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Wirtschaft Bulgarien

Die Bankenkrise und der bulgarische Kapitalmarkt

Der Bankensektor nimmt eine überragende Stellung hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Entwicklung in Bulgarien ein. In Bulgarien befindet sich der Kapitalmarkt, anders als in den weiter entwickelten Reformländern, in einem unterentwickelten Stadium. Auf dem Rentenmarkt werden lediglich Staatsobligationen gehandelt und der Aktienmarkt weist eine geringe Kapitalisierung und Liquidität auf. Die einzige Möglichkeit der Kapitalbeschaffung für Unternehmen besteht in der Kreditaufnahme bei Banken. Es existiert in Bulgarien außer dem Bankensystem kein anderer den privaten Unternehmen zugänglicher Kapitalmarkt. Unter diesen Vorzeichen werden sowohl die Gründe für das Entstehen der Bankenkrise als auch deren verheerende Wirkung auf den realen Sektor der bulgarischen Volkswirtschaft verständlicher.

Die Hauptursachen für den Ausbruch der Bankenkrise sind in der überversorgung des bulgarischen Bankenmarktes und in der ungünstigen volkswirtschaftlichen Entwicklung begründet. Daraus folgte ein umfangreichen Kreditausfall. Mit 44 Banken und 4240 Bankfilialen war der bulgarische Bankensektor zu Beginn des Jahres 1996 zweifellos überversorgt. In Bulgarien trafen durchschnittlich 2.050 Einwohner auf eine Bankfiliale, während in Polen eine Bankfiliale im Durchschnitt 15.360 Einwohner versorgt12. Berücksichtigt man ferner das im Vergleich zu Polen geringe durchschnittliche monatliche Realeinkommen in Bulgarien von ca. 109 US-$ für das beginnende Jahr 199613, wird die Unwirtschaftlichkeit des bulgarischen Bankensystems klar deutlich. Es gelang vielen bulgarischen Banken nicht, die Gemeinkosten ihrer Filialen zu erwirtschaften.

Der entscheidende Grund jedoch für das Zusammenbrechen des Bankensystems lag im Kreditausfall begründet. Häufig erteilten die Staatsbanken auf Weisung oberer Stellen den staatlichen Betrieben ohne betriebswirtschaftliche Prüfung Kredite.

Die Bulgarische Nationalbank hat durch die Verordnung Nr. 9 die gesetzliche Grundlage geschaffen, um die von den Geschäftsbanken erteilten Kredite nach 1990 mit einem Ausfallrisiko zu bewerten, von dem die Höhe der zu bildenden Rückstellungen abhängt 14. Bereits im Jahre 1995 wurde deutlich, dass 41% der von den Geschäftsbanken erteilten und ausstehenden Kredite als uneinbringbar eingestuft und lediglich 29% der Kredite ordnungsgemäß bedient werden können. Die restlichen Kredite galten als zweifelhaft. Bemerkenswert ist auch, dass nur 22% der von staatlichen Banken vergebenen Kredite ordnungsgemäß bedient wurden, während diese Quote im privaten Bankensektor mit ca. 50% deutlich höher ausfiel. Der staatliche Bankensektor ist durch eine erhebliche Ineffizienz gekennzeichnet, weshalb davon auszugehen ist, dass eine negative Korrelation zwischen privatem Eigentum und Kreditausfall existiert.

Die anhaltenden, durch Ineffizienz und Kreditausfall verursachten Verluste des bulgarischen Bankensystems führten zur Verringerung des Eigenkapitals der Banken. Von 45 Banken machten 1995 nur lediglich sechs Banken einen Gewinn.

Die anhaltenden Verluste und die Senkung des Eigenkapitals führten zu einer Solvenzkrise innerhalb des Bankensektors. Die Banken verschuldeten sich zunehmen bei der BNB. Die Insolvenz der Banken wurde von der BNB aus Angst, den im Jahre 1994 und 1995 einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung15 durch den Zusammenbruch des Bankensystems zu gefährden, hingenommen. Die Kreditexpansion führte zu einer erhöhten Geldmenge und zu inflationären Tendenzen. Zugleich wurden aber in der Öffentlichkeit die steigenden Schwierigkeiten des Bankensektors bekannt. Die privaten Haushalte, wie auch die internationalen Finanzinstitutionen verloren das Vertrauen in ihn. Die internationalen Finanzinstitutionen setzten ihre Devisenkredite aus und die privaten Haushalte stürmten aus Angst vor der drohenden Entwertung ihrer Ersparnisse die Banken, um die Landeswährung gegen Devisen umzutauschen, was einen ständigen Abwertungsprozess der Lewa einleitete.

Die Abwertung führte dazu, dass einerseits die aufgenommenen US-$ Kredite astronomische Höhen in Lewa annahmen und deshalb nicht mehr bedient werden konnten, was zu einem weiteren Anstieg des Kreditausfalles und anderseits zu stark ansteigenden Importpreisen in Lewa führte. Beide Phänomene verstärkten den Inflationsprozess und führten im Jahre 1996 zu einer Hyperinflationsrate von 311%16. Der Wert der Lewa zum Dollar fiel im Jahresverlauf 1996 von 70 Lewa per Dollar auf über 500 Lewa per Dollar zum Jahresende. Die Stützungsverkäufe von Devisen durch die BNB, um die Abwertung der Lewa zu vermindern, führten zu starken Verlusten der bulgarischen Devisenreserven von 1.236 Mio. US-$ im Jahre 1995 auf 518 Mio. US-$ Ende 1996. Im März 1997 betrugen die Devisenreserven (siehe oben) lediglich 415 Mio. US-$, bei einer Zahlungsverpflichtung dem Ausland gegenüber von rund 1 Mrd. US-$ für das Jahr 1997. Eine Aufrechterhaltung des Schuldendienstes erfordert deshalb die Unterstützung durch die internationalen Finanzinstitutionen.

Die BNB versuchte durch die Erhöhung des Zinsniveaus die kurzfristige Spekulation zu verhindern und ein weiteres Ansteigen der Inflation einzudämmen. Der Basiszinssatz nahm am Ende des Jahres 1996 die Höhe von 180% per Jahr an. Der umfangreiche Kreditausfall einerseits und die Erhöhung des Basiszinssatzes auf 180% anderseits haben die Banken dazu gezwungen, die Zinssätze auf die Kredite stark anzuheben, mit der Folge, dass ab Mai 1996 die jährliche Zinszahlung höher ausfiel als die Kreditsumme. Langfristige Kredite können in einem derart inflationären Umfeld kaum mehr erteilt werden. Die hohen Kreditzinsen führten im Verein mit der gefallenen Güternachfrage zu einer abnehmende Investitionstätigkeit, so dass die monetäre Krise sich ab Mitte 1996 immer stärker auf den realwirtschaftlichen Sektor der bulgarischen Volkswirtschaft auswirkte.

Hermann Schubert Last modified: Thu May 22 11:38:06 CEST 2001
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