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Der Verlauf der Wirtschaftskrise

In vielen mittel-osteuropäischen Staaten wurden im Jahre 1996 erste makroökonomische Stabilisierungsanzeichen und das Einsetzen eines selbständigen Wirtschaftswachstums beobachtet. Der Institutional Investor platzierte Bulgarien im März 1997 auf Rang 97 (von 135) der Länderliste zwischen Algerien und der Dominikanischen Republik. Im mittel- und osteuropäischen Vergleich ist Bulgarien das einzige Land, das eine negative Entwicklung des Ratings im Jahresvergleich aufweist. Im Zeitraum September 1996 bis März 1997 wurden -1,0 Punkte verzeichnet.

Bulgarien erlebte im Frühjahr 1997 die schärfste wirtschaftliche Krise seit Beginn des Transformationsprozesses im Jahre 1990. Das Bankensystem brach zusammen, das Bruttoinlandsprodukt verringerte sich spürbar, und der Wert der Landeswährung Lewa sank unaufhörlich. Die monatlichen Inflationsraten nahmen zweistellige Werte an, das Budgetdefizit wurde immer größer, die Devisenreserven erschöpften sich nahezu, und die Bevölkerung verlor jegliches Vertrauen in die Wirtschaftspolitik.

Die sich bereits im Jahre 1995 anbahnende Bankenkrise führte zum Zusammenbruch des Finanzsystems und setzte eine Hyperinflation in Gang, die im Jahresdurchschnitt 1996 die astronomische Höhe von 311% erreichte. Der Wert der Lewa zum Dollar fiel im Jahresverlauf 1996 von 70 Lewa per Dollar auf über 500 Lewa per Dollar zum Jahresende und nahm im Februar 1997 gar den Spitzenwert von 2.800 Lewa per US-$ an, um sich auf den Wert von 1.500 Lewa per US-$ im März einzupendeln2. Die anfänglichen Interventionen der bulgarischen Nationalbank zur Stützung der Lewa führten zu einem dramatischen Rückgang der Devisenreserven, die im April 1997 nur noch 415 Mio. US-$ betrugen, was angesichts der bulgarischen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland von über 1 Mrd. US-$ für das Jahr 1997 ohne externe Finanzierung eine Zahlungsunfähigkeit hervorrufen würde. Die staatlich festgesetzten Preise für Energie und Heizung stiegen im Laufe des Jahres 1996 um 452%, jene für Transport und Kommunikation um 405% und die Nahrungsmittelpreise um 302%.

Die Finanzkrise weitete sich im Jahresverlauf zunehmend auf den realen Sektor der bulgarischen Volkswirtschaft aus.

Das reale Bruttoinlandsprodukt fiel im Jahre 1996 um 11%, die Industrieproduktion um 9%, die Bauwirtschaft in den ersten drei Quartalen 1996 um 25,8% und der Dienstleistungssektor um 6%. Ungünstige Klimaeinflüsse und die angespannte Finanzlage führten zu einem Einbruch in der Getreideproduktion von fast 50% gegenüber dem Jahr 1995 und erfordern ein Getreideimportvolumen von 1,5 Mio. t in diesem Jahr, wenn sich Bulgarien nicht der Gefahr einer Hungersnot aussetzen will. Für das laufende Jahr kann von keiner erheblichen Verbesserung des Nahrungsmittelangebots ausgegangen werden, da im letzten Jahr nur ein geringer Teil der Ackerflächen eingesät wurde. Der durchschnittliche Reallohn in Lewa verringerte sich im Jahre 1996 um über etwa 8%, da die Nominallohnerhöhungen den Preiserhöhungen hinterherhinkten. In dem hyper-inflationären Umfeld gerieten die öffentlichen Haushalte zunehmend unter Druck. Auf der Einnahmeseite sanken die Steuereinnahmen aufgrund der schwachen Wirtschaftsleistung und der ineffizienten Steuererhebung, während bei den Ausgaben die Zinsaufwendungen für den staatlichen Schuldendienst explodierten. Aus diesem Grund musste die öffentliche Hand am Ende des Jahres die Primärausgaben einschränken, was zusammen mit den gefallenen Realeinkommen zu einer Senkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage führte. Die gefallene Güternachfrage rationierte das Güterangebot. Dieser spill-over Effekt verstärkte die Abwärtsbewegung des realen Bruttoinlandsproduktes3 Daraus resultierten fallende Kapazitätsauslastung der Unternehmen. Die staatlichen Unternehmen führten aus sozialen Gründen keine umfangreichen Kündigungen durch und die Verluste stiegen weiter an. Diese Verluste wurden vom Bankensektor gedeckt und das Volumen der uneinbringbaren Kredite stieg. Refinanziert haben sich die Banken bei der Bulgarischen Notenbank (im folgenden BNB). Das Kreditvolumen und die Geldmenge stieg, während das Güterangebot gefallen ist. Ein inflationäres Umfeld wurde geschaffen.

Mit dem zunehmenden Zinsniveau fielen im Jahr 1996 die realen Brutto-Anlageinvestitionen im Vergleich zum Vorjahr um 5%. Die Reduktion des Bruttoinlandsproduktes ist noch nicht beendet und nach Schätzungen des bulgarischen nationalen Statistikamtes, die sowohl von der OECD4 als auch vom IWF übernommen wurden, wird das Wirtschaftswachstum im Jahre 1997 um 6% abnehmen.

Auch der bulgarische Außenhandel war 1996 stark rückläufig. Trotz der realen Abwertung5

der Lewa sank die Exporttätigkeit in den ersten drei Quartalen 1996 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16,3% auf 3,33 Mrd. US-$. Dieses Phänomen unterstreicht deutlich die Störung innerhalb des realwirtschaftlichen Sektors. Die reale Abwertung der Lewa verteuerte die Importpreise in Lewa. Notwendige Importe zur Modernisierung der bulgarischen Wirtschaft konnten deshalb nicht getätigt werden. Das Importvolumen fiel um 14,1%. Der Handelsbilanzüberschuss fiel in den ersten neun Monaten des Jahres 1996 auf 131,8 Mio. US-$ gegenüber 255,8 Mio. US-$ im selben Zeitraum des Vorjahres6.

Das Lohnniveau der Beschäftigten im Staatssektor fiel von 55 US-$ im Jahresdurchschnitt 1996 auf 25 US-$ pro Monat im März 1997. Mit dem gesetzten Mindestlohn von 17.600 Lewa im März 1997, was umgerechnet einer Höhe von 12 US-$ zum damaligen Wechselkurs entsprach, konnten die Grundbedürfnisse nicht mehr gedeckt werden. Die Realeinkommen der Rentner fielen seit Januar 1996 um 40%, und nach den letzten Angaben der Weltbank leben 70% aller bulgarischen Haushalte unterhalb des Existenzminimums.

Der dramatische wirtschaftliche Verfall leitete im Herbst Protestbewegungen der bulgarischen Bevölkerung ein, die im Dezember 1996 zur Abdankung der sozialistischen Regierung Widenow und zur Festsetzung von Neuwahlen für den April 1997 führten.

Die Übergangsregierung stellte Stefan Sofijanski, und am 19. April 1997 entschied sich die bulgarische Bevölkerung mit 52% der abgegebenen Stimmen für die bulgarische Rechte und den Ministerpräsidenten Iwan Kostow, dem Chef der Union der demokratischen Kräfte. Dieser erklärte noch am Wahlabend, dass seine Regierung eine Wirtschaftspolitik nach den Leitlinien des Internationalen Währungsfonds und die Bekämpfung von Kriminalität und Korruption durchführen wird. Des weiteren strebt Kostow als nahes Ziel die Integration Bulgariens in die NATO und EU an und beabsichtigt die Öffnung der Dossiers der Geheimpolizei.

Noch vor den Neuwahlen bat die bulgarische Regierung die multilateralen Staatengemeinschaften um Hilfe. Zu diesem Zweck veranstaltete die Weltbank gemeinsam mit der EU-Kommission ein G-24-Treffen7 in Brüssel. Das vom IWF und der Weltbank ausgearbeitete Stabilisierungs- und Reformprogramm wird unweigerlich schwere soziale Härten hervorrufen. Im Zuge der Privatisierung der ineffizienten Staatsbetriebe werden zahlreiche Arbeitsplätze freigesetzt werden. Die verordnete Sparpolitik wird zu weiteren Einschnitten im sozialen Netz führen, und die Freigabe der Preise wird einen spürbaren Anstieg der Lebenshaltungskosten zur Folge haben.

Im Gegenzug dazu wurde Bulgarien bereits im März eine Kredithöhe von 533 Mio. US-$ im Rahmen eines Stand-by-Abkommens und ein Kredit in Höhe von 155 Mio. US-$ für dringend benötigte Getreideimporte aus der ,,Compensatory and Contingency Financing Facility (CCFF)`` vom IWF zugesagt. Außerdem beabsichtigt die Weltbankgruppe die Gewährung eines Sofortkredits in Höhe von 290 Mio. US-$ und die EU neben direkten Nahrungsmittellieferungen die Erteilung eines Kredits von insgesamt 216 Mio. ECU. Zugleich wurde die Einrichtung eines unabhängigen Currency Board8 vereinbart. Dieser soll anstelle der bulgarischen Notenbank die Stabilisierung des Kurses der Lewa und eine Stabilisierung des Preisniveaus herbeiführen.

Die neue bulgarische Regierung wird keine unabhängige Wirtschaftspolitik durchführen können. Mit der Einrichtung des Currency Boards steht die Geldpolitk und mit der Auflage das Stabilisierungs- und Reformprogramm durchzuführen gerät ebenso die Fiskalpolitik unter sehr starken Einfluss des IWF und der Weltbank9. Für das Jahresende 1997 ist deshalb mit einer starken Senkung der Inflationsrate und einer Stabilisierung des Lewa-Wechselkurses zu rechnen, wenngleich der bulgarischen Wirtschaft in Folge der eintretenden Stabilisierungskrise eine weiterhin konstant bleibende Verarmung der Bevölkerung und eine weitere Reduktion des Bruttoinlandsproduktes im Jahre 1997 noch bevorstehen wird. Es ist zu hoffen, dass die schmerzhaften Stabilisierungsmaßnahmen die Rahmenbedingungen für einen Wachstumsprozess setzen können.

Hermann Schubert Last modified: Thu May 22 11:38:06 CEST 2001
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