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Strukturelle Ursachen

Im Vergleich zu den anderen postkommunistischen Reformstaaten begann Bulgarien relativ spät und unter schwierigeren Ausgangsbedingungen mit der Transformation ihrer Volkswirtschaften. Anders als Polen oder Ungarn verzögerte Bulgarien die dringend notwendigen Reformmaßnahmen. Dieses Verhalten war vor allem politisch, aber auch ökonomisch bedingt. Die bulgarische Volkswirtschaft war mehr als die anderen Reformstaaten von dem Handel mit den Comecon-Staaten abhängig. Der Zusammenbruch der Absatzmärkte machte sich besonders in Bulgarien spürbar und führte im Jahre 1991 zu einer Arbeitslosenquote von 10,5% und einer Reduktion des realen Bruttoinlandsproduktes um 11,7%, ohne dass die Ursachen auf die Privatisierung oder Freigabe der Preise zurückzuführen gewesen wären. In diesem ökonomischen Umfeld zögerte die bulgarische Regierung mit ernsthaften Privatisierungsmaßnahmen, um die ohnehin angespannte soziale und wirtschaftliche Lage durch das Eintreten der Transformationsrezession nicht weiter zu verschärfen.

In Bulgarien herrschen außerordentliche strukturelle Defizite. Die staatliche Industrie führte keine entscheidenden Reformen durch und produziert seit Jahren mit enormen Verlusten, die vom Staatshaushalt über die Emission von Staatsobligationen finanziert wurden. Der niedrige Modernitätsgrad des bulgarischen Kapitalstocks vergegenständlicht sich insbesondere im enorm hohen Energieverbrauch der Industrie, und dies angesichts der Tatsache, dass Bulgarien ein an Energieressourcen armes Land ist. So betrug 1995 der Anteil heimischer Energiequellen an der Energieproduktion nur rund 26%. Diese Tatsache verursachte eine starke Abhängigkeit von den Hauptzulieferern Russland (Gas, Öl und Nuklearbrennstoffe) und Ukraine (Kohle). Diese Abhängigkeit erklärt auch, weshalb das bulgarische Gasversorgungsunternehmen Bulgargas im Mai 1997 einen höheren Gaspreis für Gasimporte aus Russland bezahlen musste als andere europäische Gasversorgungsunternehmen, die aus verschiedenen Ländern Gas beziehen.

Die Energieimporte belasten in hohem Masse die Devisenreserven Bulgariens, da Bulgarien das importierte Gas in Hartwährung bezahlen muss und diese Preise Weltmarktniveau erreichen. Das niedrige Einkommen in US-$ der bulgarischen Bevölkerung kann ohne weiteres dazu führen, dass die Heizungsrechnungen für Gas nicht mehr bezahlbar sind. Eine solche Entwicklung wird um so wahrscheinlicher, je niedriger der Lewa-Kurs per US-$ mit der Einrichtung des Currency Boards festgesetzt wird. Der hohe Energieverbrauch der bulgarischen Industrie und die ausbleibenden Modernisierungen liegen in der ehemaligen Subventionierungspraxis der Energiepreise begründet. Die niedrig gesetzten Energiepreise führten zu starken Verlusten im Energiesektor. Der IWF forderte bereits im Rahmen des 1995 abgeschlossenen Beistandsabkommens eine Erhöhung der Energiepreise, was aber von der bulgarischen Regierung unterlassen wurde und zu einer Aussetzung der Kredite führte. Erst im Jahre 1996 stiegen die Energiepreise. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist aber die Tatsache, dass zwar die Energiepreise stiegen, diese Preiserhöhung aber nicht auf die Preise der Endprodukte aufgeschlagen wurden. Die energieintensiv produzierenden Firmen verschuldeten sich entweder bei den Energieanbietern oder den Banken. Diese Schulden mussten später vom bulgarischen Staat übernommen werden, um einen Zusammenbruch des Bankensektors zu verhindern. Aus einer direkten Subventionierung wurde somit eine indirekte.

Zusätzlich erschwert wurde die ökonomische Situation Bulgariens durch die von der UN gegen die Bundesrepublik Jugoslawien verhängten Wirtschaftssanktionen, die zu einer erheblichen volkswirtschaftlichen Belastung Bulgariens führten. Da Bulgarien an die Bundesrepublik Jugoslawien angrenzt, konnte die Durchsetzung eines wirkungsvollen Embargos nur auf Kosten Bulgariens erfolgen. Da der traditionelle Lieferweg von 60 Prozent der bulgarischen Exporte für die westlichen Märkte durch das Gebiet der Bundesrepublik Jugoslawien führte und das Transitverbot diesen Weg versperrte, war ein Großteil der bulgarischen Wirtschaft von den westlichen Märkten abgeschnitten. Dies erklärt unter anderem das bisher niedrige Niveau der ausländischen Direktinvestitionen, da das Investitionsrisiko infolge der komplizierten Transportsituation stieg. Zudem muss erwähnt werden, dass das ehemalige Jugoslawien der bedeutendste Handelspartner Bulgariens war und der Wegfall dieses Marktes einen monatlichen Verlust von 40 Mio US-$ hervorgerufen hat10.

Von UN-Experten wurde der volkswirtschaftliche Schaden, der Bulgarien alleine zwischen Juli 1992 und Ende 1993 infolge der Anwendung des Embargos entstanden ist, auf 3,68 Mrd. US-$ geschätzt11. Bis zur vollständigen Aufhebung der Sanktionen am 01.10.96, nach Abschluss des Dayton-Abkommens, vergingen aber noch weitere zweieinhalb Jahre. Diese Belastung ist enorm für ein Land, das gerade mit der Transformation seiner Volkswirtschaft begonnen hat und deshalb vor allem auf ausländische Direktinvestitionen und westliche Absatzmärkte angewiesen ist.

Hermann Schubert Last modified: Thu May 22 11:38:06 CEST 2001
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