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Anreise per Zug

1. Tag, Sonntag, 26.05.2002

Wir stehen in kleinen Gruppen inmitten eines Meeres von Gepäckstücken am Münchner Hauptbahnhof - Gleis 17 - und warten, dass sich alle versammeln. In den Augen aller funkelt die gespannte Erwartung auf Rumänien. Endlich sind alle da. Wir laden die schweren Rucksäcke auf unsere Rücken und gehen den Bahnsteig entlang bis zu unserem Wagen. Dann kommt die Verabschiedung, jeder drückt noch einmal Eltern, Freunde und wir steigen ein. Vor dem Fenster stehen die Verabschiedung am Münchner Hauptbahnhof Daheimgebliebenen, aus ihren Gesichtern spricht eine Mischung aus Stolz und Sorge.

Dann sind wir wie im Flug in Salzburg. Herr Kraus sagt uns, dass wir 8 Minuten zum Umsteigen haben. Der Zug hält und alle rennen über den Bahnsteig. Als einige zu Gleis 8b anstatt zu 8a laufen, entsteht ein kleines Chaos. Der Zug fährt los und wir schauen ihm entsetzt hinterher. Dann stellt sich allerdings schnell heraus, dass unser Zug Verspätung hat und der gerade abgefahrene der falsche war. Wir müssen eine halbe Stunde warten. Philipp holt den Fußball aus dem Rucksack und wir fangen an, zwischen den Toiletten und den Betriebsräumen in einer schmalen Gasse zu danteln. Kurz bevor der Zug nach Wien kommt, schieße ich den Ball aufs Toilettendach. Tobi kann aber raufklettern, und wir packen eilig unsere Sachen.

Wir sitzen im Großraumwagen. Raucher- und Nichtraucherabteil sind nur durch eine Glasscheibe getrennt. Wir sitzen auf der Raucherseite, sehr zum Leidwesen unserer Betreuer. Die Klimaanlage ist voll aufgedreht und je näher wir Wien kommen, um so röter werden meine Augen. Hin und wieder hält der Zug, wir spielen Karten.

Sibiu
Sibiu

Dann kommen wir in Wien an, Österreichs pulsierendem Herz. Es ist 18:50 Uhr, wir sind pünktlich und halten auf Gleis 6. Der nächste Zug soll erst in einer ¾-Stunde kommen, also schnappen sich ein paar Jungs und ich den Ball und gehen vor den Bahnhof auf eine Straßeninsel. Dort spielen wir mitten im Verkehr und zu Verwunderung der Wiener ein bisschen Fußball.

Rosia  Sibiu Pünktlich zur Abfahrt stehen wir verschwitzt und erleichtert, der Fußballdrang hat schon sehr gedrückt, am Bahnsteig, werden von Herrn Kraus ausgeschimpft und steigen in den ehemaligen DDR-Zug nach Rumänien. Wir haben zwar zuerst Probleme mit dem System der Liegewagen, aber nach einigen Umständen ist alles klar. Dann setzen sich alle in ein Abteil und es werden Karten gespielt. Einige packen mitgebrachte Getränke aus, und die Stimmung steigt. Während der Zug durch den Abend rauscht wird die Landschaft um uns immer unbekannter und in uns der Umfang des Projekts immer bekannter. Dann kommt die österreichisch-ungarische Grenze. Die österreichische Polizei erscheint mit Laptops, die ungarische mit Camouflage(Tarn)-Anzügen . Aber alle fragen nur: »Deutsch?« Wir nicken, und sie gehen weiter.

Die Sonne ist schon längst untergegangen und vor den Fenstern liegen weit entfernt kleine Orte, nur erkennbar durch ihre kalte, industrielle Beleuchtung, hilflos in der riesigen Ebene, eingehüllt von der Nacht.

Langsam schleicht sich die Müdigkeit auf Samtpfoten in unsere illustre Runde und mein Abteil beschließt schlafen zu gehen.

Nun gibt es einige Probleme. In unserem Abteil liegt, zusätzlich zu den zwei angetrunkenen Rumänen, ein Mädchen, das uns erklärt, dass sie in dem Abteil schlafen möchte. Nach einige Diskussion stellt sich heraus, dass in einem anderen Abteil anscheinend noch Plätze frei sind. Wir klopfen dort, lassen uns von einem besoffenen und aggressiven Rumänen und seiner Frau anschreien und verstehen das Mädchen. Mit Hilfe des sehr netten Schaffners wird sie umquartiert, wir räumen die zahlreichen Aldi-Tüten von unseren Betten und schlafen für den Rest der Nacht - ungefähr 2 Stunden, bedingt durch die Hitze, wegen der man sich wie ein lebender Klebstift fühlt, und den Lärm aus dem offenen Fenster. Nur Philipp und Anja schliefen, in allen Klamotten, unter einem Schlafsack, auf einer Pritsche. Kompliment!

Während eines Teils dieser 2 Stunden werden wir vom rumänischen Zoll geweckt, der aber nach einem kurzen Gespräch mit den beiden Rumänen verschwindet. Danach stehe ich auf und schaue mir den Sonnenaufgang an. Wir haben die gewaltige Ebene immer noch nicht verlassen, fahren allerdings auf ein Gebirge zu, das aus ihr gigantisch und ohne Übergang herausragt. Es ist ein klarer Morgen, man hört die Vögel, obwohl man keine Bäume sieht. Nach dieser Erholung lege ich mich noch kurz hin, dann müssen wir aufstehen. Ich packe schnell meine Sachen und geselle mich zu den Anderen, alle sind sichtlich erschöpft. Nun fahren wir, wie mir scheint, durch den schmutzigsten Fleck Europas. Eine riesige Industrieruine streckt ihre verrusten Stahlfinger gen Himmel, daneben arbeiten Bauern auf ihren Feldern. Maschinen gibt es nicht. Dann endlich hält der Zug und wir sind da.

Olaf Spaarmann

Last modified: 2002-12-26

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