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Endlich angekommen

2. Tag, Montag, 27.05.2002

Ich stehe am Bahnsteig in Medias, verschwitzt, müde und hungrig. Die Bahnhofshalle ist ein Betongebilde; zwar schlicht, aber trotzdem modern wirkend, passt es nicht zu seiner Umgebung. Über der Stadt hängt noch ein morgendlicher Dunst, der sich langsam hebt. Eine Frau, ihre grauen Haare zu einem Dutt hochgesteckt, kommt auf uns zu. Sie stellt sich uns als Frau Wiecken vor. Durch sie kamen wir überhaupt hierher; sie ist hier sozusagen die Leiterin der Waldorfschulen in Sibiu und Rosia. Sie heißt uns in Rumänien willkommen.


Frau Wiecken

Wir treten aus dem Bahnhof auf die Straße. Es stinkt, doch ist es hauptsächlich der Gestank billigen Benzins und schlechter Motoren. Die Ursachen sieht man sofort: Es sind die Autos, für deren Fahren man in Deutschland wegen Gefährdung im öffentlichen Straßenverkehr angeklagt werden würde. Die tief schwarzen Abgase haben auch die Wände der Häuser schwarz gefärbt. Es waren schöne Häuser, alt und früher vermutlich mal bunt, über den Türen und den Fenstern mit Ziselierungen, die teilweise auch schon herunter gebrochen sind; man sieht den Häusern fehlende Pflege an.

Zwei Transporter sind für uns da, einer von Frau Wiecken, der andere gehört Laslo. Der ist eigentlich Automechaniker, er wird uns aber bei der Arbeit an den Häusern in Rosia helfen. Wir verstauen unsere Rucksäcke und Taschen und bemerken nicht wie eine Plastikflasche mit Apfelsaft aus irgendeinem Gepäckstück fällt, erst als sich zwei Straßenjungen, die wir bisher auch nicht beachtet hatten, sich darauf stürzen, nehmen wir die Flasche wahr. Sie heben sie auf, reden rumänisch zu uns, wir verstehen sie nicht, bedeuten ihnen aber mit gönnerhaften Lächeln die Flasche behalten zu dürfen. Wenige Sekunden sehe ich in ihren Gesichtern Zufriedenheit und Triumph. Sie trinken. Der eine steckt die Flasche zu zwei Brotlaiben unter seinem Arm und streckt uns seine bettelnde Hand fordernd entgegen. Der andere tut es ihm nach. Beide reden jammernd auf uns ein. Wir verstehen nichts. Wir sind verunsichert, wissen nicht, ob wir ihnen was geben sollen oder es lieber bleiben lassen. Frau Wiecken ist nicht in Sicht. Wir fliehen in die Transporter, schließen die Türen, versuchen die beiden Jammerer zu ignorieren. Sie fordern weiter, die meisten meiner Klassenkameraden schauen weg. Ich beobachte Beide, sie sind zwischen neun und zwölf Jahre alt, ihre Klamotten sind kaum zerrissen und erstaunlich sauber. Sie sind neben den Autos ein weiterer Beweis für die Armut des Landes.


Wir fahren aus der Stadt. Außerhalb sehen wir einen Gebäudekomplex, schwarz, fensterlos, daneben riesige Schornsteine, ähnlich denen eines Atomkraftwerkes. Wir erfahren: Hier ist Schwermetall gefördert worden; dadurch wurde hier die Gegend stark verseucht. Sie sieht erschreckend aus. Wir fahren an großen Feldern vorbei, man sieht keinerlei Maschinen dort, nur viele Menschen, die mit einfachen Handhacken die Felder bearbeiten. Wir fahren durch die größte Stadt in Siebenbürgen, Sibiu, auf sächsisch Hermannstadt. Dort sind noch eindeutige Zeichen des Kommunismus zu sehen, viele sich gleichende Blockbauten aus Beton, quadratisch, praktisch, hässlich.

Die Straße, auf der wir fahren, ähnelt einem Sieb, mit dieser Anzahl an Schlaglöchern. Die lenken unsere Aufmerksamkeit auch eher auf die Straße als auf die Landschaft, damit wir die Fahrt über unsere Mägen noch unter Kontrolle halten können.

Wir kommen an unserem Bestimmungsort an. Rosia bzw. Rothberg ist ein kleines Dorf mit schönen Häusern und einer guten Hauptstraße, ohne Schlaglöcher. Das ist zumindest unser erster Eindruck. Wir werden hier in der Waldorfschule untergebracht sein, sie ist ein neues, längliches, einstöckiges Gebäude, ihre Wände sind grell gelb. In der Schule verläuft ein großer Gang, an den 5 Klassenzimmer und 2 Klos anschließen. Wir haben ein Matratzenlager im Zimmer der vierten Klasse, einem großen, hellen Raum. Jeder stürzt sofort auf die Matratze, die möglichst den besten Platz bietet und gleichzeitig am bequemsten aussieht; dennoch: ohne Streit findet jeder eine Schlafstelle, die ihm mehr oder weniger passt.

Wir essen in der ersten Klasse, viel und gut. Ich hatte weniger und kärglicheres Essen erwartet, wir sind alle positiv überrascht. Nach dem Essen werden wir durch das Dorf geführt. Kurz hinter der Schule endet die geteerte Straße, was folgt ist ein breiter, erdiger Weg, der von Wägen, Tierherden und Regen völlig zerfurcht ist. Die Häuser sind hier viel ärmlicher, verfallener. Hühner laufen uns zwischen die Beine, ungewohnt für uns Stadtmenschen. Im Dorf sind viele Kinder, sie stürmen auf uns zu, klammern sich an unsere Hände, sie lachen uns an und plappern hemmungslos auf uns ein. Wir lachen zurück und verstehen nichts. Fast nur Kinder sind zu sehen, nur da und dort ein Opa oder eine Oma.

Wir sind nun von dem Hügel nach unten gegangen, ganz unten sehe ich die ärmlichsten Häuser, die ich jemals gesehen habe: Häuser ohne richtige Wände, ohne wasserdichte Dächer, Häuser, die ungepflegt und im Ganzen einfach kaputt sind. Ja, wir sehen alle: Hier gibt es viel zu tun.

Severin Habesreutinger

Last modified: 2002-12-26

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