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Geschichtsstunde am Vormittag

4. Tag, Mittwoch, 29.05.2002

Kein Wecken am Morgen, wir können ausschlafen; der Tag scheint verheißungsvoll zu werden, scheint. Eigentlich ist es immer gut, am Fenster zu schlafen ­ nur: Wer rechnet schon damit, dass es hier im Sommer derartig kalt ist wie an diesem Morgen? Ich wache frierend auf und sehe das aus Deutschland wohl bekannte Grau in Grau kombiniert mit richtig starkem Regen. Ich wäre wirklich gut gelaunt gewesen, doch diese Ausschlaflaune gibt es erst gar nicht. Unsere Zeit hier in Rumänien ist kostbar; deshalb versucht Herr Kraus auch jede Minute hier nur irgendwie sinnvoll zu nutzen. Auch er hat heute allerdings eingesehen, dass bei so einem Wetter Arbeiten nicht sehr sinnvoll ist, darum organisiert er uns einen Crash-Kurs über die Geschichte Rumäniens.

Unser Geschichtslehrer ist Lehrer für Deutsch und Sport in Rosia; er habe, so sagte man mir, 15 Jahre Profifußball gespielt; ob das wirklich in dieser Form stimmt, weiß ich nicht.

Er ist ein bisschen nervös, vielleicht weil der Unterricht auf Deutsch gehalten werden muss, oder weil er in Geschichte zwar das Studium abgeschlossen hat, aber nicht unterrichtet. Oder es sind die hübschen Mädchen aus meiner Klasse, die seinen Pulsschlag beschleunigen.

Er beginnt und wird mit der Zeit konzentrierter, sicherer. Er erzählt von den Anfängen menschlichen Lebens in der Gegend, wo heute Rumänien ist, von den verschiedenen Völkern und Herrschern, die durch das Land gezogen waren und wie sie es beeinflussten. Von den Bewohnern des Landes in der Antike und im Mittelalter. Über die Rolle Rumäniens in den beiden Weltkriegen spricht er mit einer Art Schuldbewusstsein, da Rumänien seine Verpflichtungen Deutschland gegenüber nicht eingehalten hatte.

Er wird gefragt, was und wie der Kommunismus in Rumänien gewesen sei. Er beginnt seine Antwort mit den Idealen der Französischen Revolution, auf denen der Kommunismus basiere, die aber von ihm nicht erfüllt wurden. Rumänien leide noch immer wirtschaftlich und kulturell unter den Folgen des Kommunismus, der auch stark die Mentalität der Menschen geprägt habe.

Wirklich auferstehen könne Rumänien erst wieder, so sagt er, wenn seine Generation, der man mit aller Gewalt den Kommunismus ins Hirn und in die Seele gemeißelt habe, nicht mehr existiere. Rumänien will in die EU, wie alle anderen Länder dieser Region, doch meint er, sein Land sei zwar eine Bereicherung, besonders kulturell, für Europa, jedoch passe es nicht dazu.

Kurz erzählt er noch von der Securitate, der Stasi Rumäniens, über die Angst, die er wie viele andere Leute noch haben vor den ehemaligen Spitzeln und Funktionären dieser Institution, die nie wirklich aufgelöst worden war. Das ist auch ein Grund, weshalb Rumänien nicht in die NATO aufgenommen wird.

Zuletzt hat er auch noch eine Frage an uns: Wer wohl Weltmeister werde. »Frankreich« »Argentinien« sagen die meisten; ich sage »Deutschland« - alle lachen.

Severin Habisreutinger

Last modified: 2002-12-26

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