Still going strong

Nach dem Ende der endlosen Regenzeit schöpften die Bürger ihre Häuser aus. Tote Ratten wurden zum Trocknen auf den Fensternsimsen gelagert. Opa Kohl schwebte als geistiger Patriarch wie ein Spiralnebel über der Stadt, vergreist und verkalkt in der Deutung der Weltzusammenhänge, aber von einer intuitiven Hellsicht, die zu einer Zeit des des Sehnens und Wartens der Menschen auf das Unbegreifliche Trost spenden konnte. Er trat auf den Balkon seines Palastes und streckte seinen Arm aus, nicht etwa um Heilsbewegungen auszuführen, sondern zur Prüfung der niedergehenden Regenfälle. Dann bauten die Kohlheimer die erste Kirche zu Ehren und zum Andenken an Paulus, den Gründer des Landerziehungsheims und den Förderer der Wassergottidee. Die Kirche wurde im Namen des Regens und des Wassergottes gegründet, geweiht und mit Weihwasser besprenkelt. Die Menschen versammelten sich in dieser Kirche unter dem Paulusmotto: »Alles fließt« in sogenannten Meetings, unterhielten sich ungezwungen und ohne Riten und verließen die Kirche, ohne religiöse Symbole gesehen, benötigt oder benutzt zu haben, in Ehren für Paulus, den Erzieher, sein Toleranzgebot, das den Mann aus dem Nichts miteingeschlossen hatte, ohne daß er ihn je gekannt hatte.

Es kam eine Whiskymarke nach Kohlheim, die mit dem Regen vom Himmel gefallen war und die Stadt zu einem Whiskyrausch verführte. »Johnny Walker still going strong«, war ihr Wahlspruch. Johnny Hasenfuß, der unter der Einwirkung von Paulus nur Wasser im Kopf hatte, war neugierig auf diesen Whisky, der seinen Namen trug, den Namen einer neuen Weltzeit, die eine Johnnyzeit war. Johnny bewarb sich als Whiskyverkäufer, nahm das alte Pferd des Großvaters, vergaß braune Farbe und ewigen Frieden und zog auf die Wanderschaft, um Whisky anzupreisen, zu verkaufen, wo immer es sein durfte. Johnny wurde zum Verkaufscrack. Whisky war das Gebot der Stunde in Kohlheim, um die Bürger wieder einzureiben, die Durchblutung zu fördern und den Menschen frischen Lebensmut einzuhauchen, sie zu stärken im unverrückbaren Glauben an das Weltziel, das, wenn überhaupt, nur ein Whiskyziel sein konnte. War nicht das Feuerwasser die Grundlage aller Kontinentalunternehmungen der Erde, beruhte nicht die Philosophie der Menschheit auf Johnnys Whisky?

Die Kohlheimer Mentalität wurde zu einer Mentalität des Whiskys. Johnny wurde im Außendienst einer Whiskyfirma, die wie Pilze aus dem Boden schossen, eingesetzt, die sich neben einer der zahlreichen Kirchen etabliert hatte, in denen der Geist wehte, wie er wollte. Die Trockenheit und die Regenzeit waren vorbei, fast schon wieder vergessen, man dachte kaum noch an die Zeit, in der es einmal zuviel, einmal zuwenig Wasser gab, die Menschen wateten bereits in Whisky, und das war für Kohlheim etwas Neues.

Nach und nach ging Johnny dazu über, nicht mehr die Whiskyflaschen als solche, sondern nur noch die Philosophie des Whiskys zu verkaufen. Sie bestand in dem unbegrenzten Glauben an die Behaglichkeit der Kultur, woran der berühmte Psycholog Sigmund Freud noch gezweifelt hatte. Johnny hatte die Aufgabe übernommen, Sigmund Freud zu widerlegen, was ihm nicht schwerfiel, besaß er doch ein abgeklappertes Pferd, mit dem sein Großvater bereits die Wolfsgrenze durchstoßen hatte, auf dem Johnny es sich bequem machte, von dem aus er herunterblickte, mit der triefäugigen Lässigkeit des im Besitz der Weltformel befindlichen Whiskyverkäufers, der wußte, daß Kulturen auf der Basis des Whiskys errichtet werden und nicht auf der Grundlage der Tiefenpsychologie, es sei denn, die Tiefenpsychologie ist bereit, eine dienende Rolle beim Whiskyverkauf zu übernehmen.

Die Kohlheimer Kultur war spätestens nach den fatalen Kondenskerneneinschußmanövern in Gefahr geraten. Das war Johnny klar. Er wollte die Kohlheimer Kultur retten, benötigte dazu ein großes Buch, in dem er seine Aufzeichnungen über die Philosophie des Whiskys eintrug, sie in leicht verständlicher Form zur Hand hatte, um sie in Schüttelreimen unter die Leute zu streuen. Johnny wurde zum reitenden Buchmagier, der die Menschen auf Plätzen und Wiesen, auf Straßen und Wegen zu bannen verstand und sie hinriß im Zeichen des Whiskys.

Der Geist des Whiskys war eine glückliche Mischung aus hegelschem Weltgeist und salomonischer Weisheit. Diesen Flaschengeist trug Johnny anfangs mit sich herum, später formulierte er ihn zu durchschlagenden Werbeparolen für Johnny Walker still going strong. Das Schwarze Buch, das Johnny mit sich auf dem Pferd führte, besaß keinen Titel, sondern nur Johnny-Walkertexte auf riesigen, im Winde der Kohlheimer Ebene wie weiße Tauben flatternden Blättern. Johnny arbeitete jahrelang als Volkserzieher im Zeichen des Whiskys. Als Whiskymoderator gab er eine beispielhafte Karriere und legte Zeugnis ab für die Methode, mit der man auf der Welle der geschichtlichen Tendenz reiten konnte, um die schwierige Vergangenheit zu vergessen.

Johnny besuchte seinen Großvater oft in der Franziskanerkirche, neben der die Whiskyfabrik gebaut worden war, und er brachte ihm den Weltgeist mit, in hübscher Eintracht zusammensitzend mit dem Geist des König Salomon. Öffnete er die bauchige Flasche, so entströmte aus ihr der Whiskygeist, donnernd und mächtig füllte er den Raum der Franziskanerkirche, bis es darin nach Qualm roch und die Flammen lodernd aus den Kirchenfenster schlugen, die Menschen draußen auf dem Marktplatz zusammenliefen und ihre Krücken aus den noch regennassen Truhen herauskramten, wo sie diese vor dem Mann aus dem Nichts versteckt hatten, der tyrannisch und unwillig sein überlanges Glied einfach an Krückesstelle aufgereckt hatte, mit der Behauptung, er werde auf seinem Glied die Erde balancieren, - aus den Truhen, die noch aus den Zeiten der Gründerväter stammten holten die Menschen ihre Krücken, erst zaghaft, dann schon mutiger, um sie wieder vorzuzeigen, im Namen von Paulus, dem Juden, der nie ein Saulus gewesen war, im Namen Nathans des Weisen, Kants des Friedlichen und des Opa Kohl, der mitten im schwarzem Qualm in der Kirche gegen den Geist des Whiskys ankämpfte, der unversehens zum Weltgeist geworden war, obschon es eigentlich ein Geist war, der in die Rumpelkammer des Neunzehnten Jahrhunderts gehört hätte.

Während die Männer krückenschlagend und reckend und deutend vor der Kirche standen, um Opa Kohl herauszuholen aus der eisernen Klammer eines Mannes, der Johnny hieß, obwohl er sanft war wie das Lamm Gottes, der auf der Basis des Whiskys zum Mann mit dem goldenen Arm wurde und Opa Kohl zu beschwatzen trachtete. Während Johnny und Opa Kohl drinnen in der Kirche verhandelten, legte Dolores Babilionia draußen vor der Tür der Franziskanerkirche die ersten Fußangeln der Daseinsanalyse, die auszugehen hatte vom Fastnichtmehrvorhandensein des Kohlheimer Weltziels. Dolores Babilionia war eine Zigeunertochter der dritten Generation und beinahe noch auf einem der Planwagen gezeugt worden, die die Gründungsväter in die Ebene gebracht hatten. Sie war eine Frau mit Format, das sie zum Verkauf daseinsanalytischer Traktätchen prädestnierte, - selbst eine Geworfene, in die Abgründigkeit des Kohlheimer Regendaseins in der Ebene.

Babilionia trug lange Ketten aus bemalten Kieselsteinen um den Hals. Ihr Haar war schwarz und kurz geschoren, wie um den Grund ihres weiblichen Daseins zu verleugnen, obschon sie über eine Weiblichkeit verfügte, die sie ganz und gar in den Dienst ihrer daseinsanalytischen Philosophie stellte. Verzweifelt über ihre Teilhabe am Nichtbesitz dieser Welt versuchte sie, diesem unglückseligen Zustand der besitzlosen Fröhlichkeit wie ein Mann in die Augen zu sehen. »L'appetit vient en mangeant«, war der Tenor ihrer Daseinsanalyse, womit sie Rabelais huldigte, der seine Situation auf reale Fressalien gründen konnte. Vielleicht war es das Asketische, das Johnny und Babilionia verband, wenn sie vor der Kirche auf ihn wartete und über die Ergebnisse, seine Abschlüsse, seine Erfolge, die er gegenüber Opa Kohl erzielt haben mochte, befragte, ihn auskundschaftete, enträtselte, daseinsanalytisch versteht sich, wozu Geld gehörte, in erster Linie Geld, so daß Johnny bald klar wurde, daß das Numinose der Daseinsanalyse im Geld besteht, was ihn an den Großmeister des roten Oktobers, Lenin, erinnerte: Zahlen und sich bezahlen lassen.

Andreas Leitolf: Amalgam