TantraVoller Vorahnungen stand Rosi Finsterwalder mit blanken Brüsten im wehenden Morgenmantel auf dem Balkon des Teppichhauses und deutete mit ausgestrecktem Arm auf die sich im weißglänzenden Licht der fünften Jahreszeit verfärbenden Sterne. Sie konnte am tiefen Horizont über der gelbflimmernden Ebene zwei taumelnde Gestalten ausmachen, die unförmig und grotesk, sich stützend und an den Händen haltend daherkamen, einträchtig wie Don Quichotte und Sancho Pansa, die eine Figur, männlich, lang und schmal mit endlosen Armen, an denen wie zufällig zwei Hände, groß wie Klodeckel, baumelten, die andere Gestalt klein, dick, weiblich, eine sandfarbene Pythonschlange von zwölf Metern Länge an einem goldbestickten Lederhalsband führend. Geierwally trug eine Perücke aus rotem Roßhaar, das ihr wirr vom Kopf stand und im Wind flatterte. Unendlich langsam, im Zeitlupentempo, schleppte sich das ungleiche Paar, das dennoch harmonierte, durch die Spätsommerhitze über die weiten, abgeernteten Felder der Kohlheimer Ebene, bis es vor dem Stadttor anlangte, über dem das Wahrzeichen Kohlheims, eine fünfzehn Meter lange Blindenkrücke in Stein gemeißelt war. Und während Franz, der Mann mit den Klodeckelhänden, Rast machte und seine Gefährtin, die Geierwally aufforderte, in die Stadt zu gehen, um weiße Mäuse für das gefräßige Tier zu suchen, das tagelang kein Nage- oder Wühltier mehr verschlingen konnte, strömten die Kinder hinaus vor das Stadttor, das dem tiefen Finsterwald gegenüberlag, dem das ungleiche Paar entsprungen war, um Gelände und Möglichkeiten künftiger kleinstädtischer Größe zu erkunden. Franz und Geierwally waren bald umringt von den schreienden Kindern. Diese warfen mit Steinen nach der Pythonschlange, die sich angebunden im trockenen Sand wandte, zischelnde Laute ausstieß und eine, an der Spitze gespaltene, dünne Zunge aus- und einfahren ließ. Geierwally wurde zornig und wollte schon das Halsband aufmachen, durch das die Schlange gebändigt wurde, um sie auf die Kinder loszulassen, als Opa Kohl mit festem Schritt aus dem Stadttor kam, um Franz und Geierwally zu begrüßen, die er in seiner Altersblindheit für fahrende Zirkusleute hielt. Opa Kohl war Altoberbürgermeister mit siebzig Jahren und er war an allen Menschen interessiert, die es verstanden, einen Beitrag zum Kohlheimer Kulturleben zu leisten. Für solche Fälle hielt er das an seinen Palast angrenzende Gemeindehaus frei, in dem er alle fahrenden Hungerkünstler, Wanderprediger, Zaubermeister, Hexenbändiger, Teufelsaustreiber, Schausteller und Theaterleute beherbergte, um sie auf dem Marktplatz auftreten zu lassen, damit das Volk Veranstaltungen zur moralischen Aufrüstung geboten bekäme. Franz machte als Fingerhakler Karriere und setzte seine Klobrillendeckelhände ein, um ganze Dörfer über den Tisch zu ziehen. Franz hakelte die stärksten Männer, sogar August Finsterwalder, den bullenstarken Feuerwehrkommandanten, über die Holztische, indem er sein rechtes Schienbein hinter die Tischplatte klemmte. Dann wurde Franz persönlicher Leibwächter von Opa Kohl, der sich unter dem Einfluß von Franz überreden ließ, die Wehrmacht zu gründen, aus stellungslosen, nackten und frierenden Schullehrern. Alle Soldaten trugen braune Säcke, denen man ein Loch eingeschnitten hatte, um den Kopf hindurchzustecken. Es waren Rupfensäcke, die man zum Einfüllen von Kartoffeln verwendete, die auch von Bauern sonntags wie werktags getragen wurden und nach dieser Praxis vörderhin zum Transport von Kartoffeln nicht mehr geeignet waren. Franz, der gewaltigste Fingerhakler aller Zeiten, setzte sich an die Spitze der Wehrmacht und lockte zahllose kaugummikauende Touristen an, die ihn bewunderten, ihn, den Mann, der mit seinen Klodeckeln mühelos neugeborene Babys zerdrücken konnte, wie er es im Kartoffelschnapsrausch tat, wenn er nachts wahllos die Türen von Wehrunwilligen mit Gewehrkolbenstößen aufsplitterte, um sich durch das Erwürgen ihrer Babys zu rächen an den Menschen, die nicht gewillt waren, an das Sendungsbewußtsein des Großen Franz und seine Einberufungsbefehle zu glauben. Franz trug stets zwei doppelläufige Schnellfeuergewehre des Typs Winchester 73 mit sich herum. Sie baumelten lässig in Kniehöhe, wo Franz mit seinen Greiferhänden die Schußwaffen umklammert hielt, die Zeigefinger an den Abzugshähnen. In seinem Gürtel steckte eine scharfe Machete, wie sie von den Bananenpflückern in Yucatan verwendet werden, die ihm von einem kaugummikauenden Touristen aus den Vereinigten Staaten verehrt worden war, nachdem er bei einem Tauziehen mit dem Mittelfinger der linken Hand eine Gruppe von fünfundsiebzig Bodybuildern allein und mit dem Ausdruck unendlicher Einsamkeit an einer eisernen Kette über den Marktplatz geschleift hatte. Franz trug einen Bart, der ihm über das Gesicht gewuchert war, nur zwei farblose Augen ließ, deren Leere an ein jahrzehntelanges Leben in der eiskalten Wüste jenseits der Wolfsgrenze erinnerte, an ein Jägerdasein, daß sich im Kampf gegen die zahllosen Wölfe erschöpfte, die aus den Sümpfen und Wäldern hervorkamen, um das Leben vor den Stadtmauern zu verunsichern. Franz war männlich bis in seine langen, sackrupfernen Unterhosen hinein. Seine Geierwally erzählte allen Leuten, daß sie einmal, nachts, den kreuzottergemusterten Prügel, den Franz zwischen den Beinen baumelnd trug, mit einem doppelläufigen Stutzen des Typs Winchester 73 verwechselt hatte. Männlich war Franz bis ins Bett hinein und es gab viele kleine staubfeindliche Hausfrauen, welche die Geierwally um so viel Männlichkeit insgeheim beneideten, während sie ergriffen von einer undefinierbaren Sehnsucht ihre Kleinstadtbusen dehnten und die Butzenscheiben ihrer Holzhütten putzten. Zwar hatten die Menschen noch keinen Aufschluß über das Weltziel, doch gab es einige, wie Anton Finsterwalder, die sich auf ihre Pferde schwangen, um in den Krieg gegen das Schicksal zu ziehen. In Vorahnungen gelangten diese Menschen, nachdem Franz mit zwei geschulterten Gewehren täglich die Unteroffiziere brüllend kommandierte, zu dem Schluß, die Wehrübungen verfolgten den Zweck, dem Schicksal Kohlheims den Garaus zu machen. An einem dieser Tage ritt Anton über den Marktplatz mitten in die exerzierenden Kompanien. Die sacktragenden Soldaten gerieten in Verwirrung, liefen durcheinander und gackerten wie die Hühner und wankten schon im Glauben an den Großen Franz. Anton rief reitend durch ein trichterförmiges Megaphon laut und weithin vernehmbar: »Die Sterne wissen alles.« Franz, der vom Dach des Gemeindehauses aus das Exerzieren geleitet hatte, der gleichzeitig dem neben ihm schaukelnden Opa Kohl Belehrungen über das Weltziel erteilte, dessen Verwirklichung mit seinem Eintreffen spruchreif geworden war, er, der von der göttlichen Vorhersehung geschickt worden war, um den steinzeitlichen Zustand der Finsterwalder in die Weltgeschichte Kohlheims zu transformieren, Franz stand mit Opa Kohl auf dem Dach des Gemeindehauses und der halbtaube Opa Kohl lauschte mit einem riesigen Hörrohr aus Messing den Eingebungen des Franz, die dieser wiederum höchstpersönlich vom Weltgeist bezog; und während Opa Kohl schaukelte und lauschte und Franz von der militärischen Notwendigkeit sprach, zog sich über der Ebene der Himmel zusammen und ein mächtiges Gewitter brach aus den Wolken hervor und setzte dem Spuk auf dem Marktplatz ein apruptes Ende. Opa Kohl wurde durchnäßt nach unten in den Palast getragen. Voller Zorn über das Einreiten des Anton Finsterwalder verließ auch Franz das Dach des Gemeindehaus und begab sich in sein Schlafzimmer, wo ihn Geierwally erwartete, im getigerten, schulterfreien Kleid, aus dem die nackten Oberarme hervorquollen. Die Pythonschlange ringelte sich in einem sargförmigen Glaskasten von zehn Metern Länge, der jeden Morgen mit weißen Mäusen vollgestopft wurde. Geierwally räkelte sich bequem auf dem Bett. Das Kopfsteinpflaster zitterte und das Gemeindehaus erbebte unter den wuchtigen Stößen des Franz, der seine Geierwally auf den Eichenholztisch gesetzt hatte, das Tigerkleid von der Brust gerissen. Franz zeugte im grauschwarzen Regen und schleuderte seinen grünen Samen aus sich heraus, um Geierwally zu befruchten. Beide dachten an die Nibelungen und die Zeugung eines neuen Sigurd ohne Tarnkappe, eines Heldensohns und Übermenschen, eines Unwesens, das später unter unsäglichen Geburtswehen auf die Welt gepreßt und zum sagenhaften Kohlheimmonster werden sollte, zähnefletschend, schwanzragend und über und über behaart. Als Kohlheim im Regen zugrunde zu gehen schien befand es sich, eingespritzt durch den mächtigen Schlauch in der Gebärmutter der Geierwally und wuchs und wuchs. Franz begann den Liebeskampf zur Stunde des mitleidserregenden Gestöhns der zahllosen Gefangenen, die im Stadtgefängnis bei Kartoffelsuppe und Kommißbrot schmachteten, er eröffnete als stärkster Bespringer unter dem Stimmulans der Schreie der gefolterten Gefangenenseelen seine Lustorgie, indem er die Butterbirnentitten seiner Geierwally packte, knetete und drückte, bis ihm der Finsterwaldersame schäumend aus allen Leibesöffnungen trat und dann stürzte er sich mit einem Gebrüll eines tosenden Meeres, das sich an einer schroffen Steilküste bricht, auf die lauernde Geierwally, die ihm mit sachkundigem Griff den dicken Weltprügel aus der Lederhose zog und ihn sich einverleibte, um auf dem großen Franz zu schaukeln, während die Schreie der Gefolterten aufstiegen und das Schlafzimmer durchdrangen und die mäusevertilgende Pythonschlange zu nervösen Zuckungen brachten. Nach sechs Monaten hatten die Soldaten die Gewehre in ihren Schränken vergessen, den Glauben an das Weltziel verloren und sich vom großen Fingerhakler abgewandt. Franz machte mit Hilfe einer sieben Mann starken, bis an die Zähne bewaffneten Truppe einen Staatsstreich. Er drang eines Mittwochs in den Präsidentenpalast und setzte Opa Kohl gefangen und verkündete die ewige Herrschaft der Finsterwalder. Er erhielt massenhaften Zulauf arbeitsloser Arbeiter aus Sägewerken, die mangels Aufträgen geschlossen waren. Die grausame Schreckensherrschaft des starken Franz, des größten Führers aller Zeiten, eines Diktators, der seine Wirksamkeit als Fingerhakler einbrachte, begann. Die Einführung der Todesstrafe durch Vierteilung, nach Räderung in den Folterkellern des Gemeindehauses, war ein Werk Franzens, der sich zur Nachtzeit der Folterungen, während den Verhafteten die Knochen gestreckt, die Zungen beschnitten und die Haut mit glühenden Stricknadeln durchlöchert wurden, und ihre angstvollen Schreie aus den Kellergewölben hinaufdrangen in das Schlafzimmer der Pythonschlangefrau, mit ihr auf einem struppigen Bärenfell wälzte, um den Kohlheimer Koitus zu vollziehen, der so weit vom indischen Liebeskult entfernt war wie das Eismeer vom Äquator. Franz hatte alle weißen Teppiche des Mister Flokati aus dem Gemeindehaus geworfen und sein Schlafzimmer nach dem Geschmack der Geierwally mit Bärenfellen, dichten Urwaldpalmen und ausgestopften Löwen, die von afrikanischen Stammeshäuptlingen mitgebracht worden waren, vollgestellt. Als nach neun Monaten das Monstrum im goldenen Gitterkäfig auf dem Marktplatz ausgestellt wurde, pilgerten die Kohlheimer über den Marktplatz, vorbei an Opa Kohl, der bewacht von sieben alten Kämpfern im Schaukelstuhl saß und zum Zeitvertreib mit Platzpatronen nach den Kristalleuchtern des Empfangssaales schoß. Tantra reagierte abweisend auf die Menschen, die es begafften und ihm Brotstückchen zwischen die Gitterstäbe steckten. Es kratzte sich nach Gorillaart unter den Achseln und zerrieb Flöhe zwischen den langen, gebogenen Krallen. Man hätte Tantra für eine Rückbildung des homo sapiens halten können, wäre man nicht von Franz davon unterrichtet worden, daß es ein Vorläufer der kosmischen Finsterwalderrasse sei, das durch Kraft und Freude in Zusammenwirkung des fingerhakelnden Franz und der Pythonschlangengeierwally auf die Welt gestoßen wurde. So wurde Tantra, das Brot und Mäuse fressende Ungeheuer aus Franzens Lenden und Geierwallys Bauch zum Wahrzeichen und Symbol Kohlheims und seines Wehrwillens. Die Kohlheimer knieten sich nieder und beteten das zähnefletschende Monstrum an, polierten reihenweise den goldenen Käfig und lauschten mit Andacht dem einzigen Satz, den das Monster je hervorgebracht hatte, als er eine der vollbusigen Nutten aus der Roxy-Bar verbeischlendern sah: »Ich will dich arschficken.« Zuvor jedoch trat ein Mann auf, der Rasputin hieß und später als der Mann hinter dem Mythos bekannt wurde, als Kohlheim von der Sintflut ausgelöscht wurde. Seine Hypnoseaugen strömten Magisches aus und schienen die andere Seite der Dinge zu kennen. Rasputin nahm Einfluß auf Franz, predigte vor dem Goldkäfig des Tantra und verankerte den Finsterwaldergedanken im Volk. Schließlich forderte er den Rücktritt des Diktators und die Proklamation von Tantra zum König von Kohlheim. Der Übermensch war nach Rasputins Auffassung zu sehen in dem auf allen Vieren im Goldkäfig auf und ab laufenden Tantra. Er verlangte im Namen des Volkes den Verzicht Franzens auf die Diktatur zugunsten des Gottesgnadentums von Tantra, dem Monster von Kohlheim, was Franz veranlaßte, Rasputin ins Gefängnis zu werfen, und auf diese Weise zum zweiten Mätyrer und Vorkämpfer der Ebene zu machen. Und während Franz wie einst der König Herodes nach neugeborenen Menschenkindern suchen ließ, die mit Tantra Ähnlichkeit besaßen, um sie mit Gewehrkolbenschlägen zur Ewigen Ruhe zu bringen, widerrief Rasputin auf dem Rad in der Folterkammer seine ketzerischen Ansichten und entkam so dem Schicksal der Vierteilung. Er wurde, nachdem ihm sämtliche Knochen im Leib gebrochen worden waren, zum Mann hinter dem Mythos des Übermenschen Tantra, der nach der alles zerstörenden Sintflut auf dem fünftausend Meter hohen Watzhorngipfel von Vögeln, im goldenen Käfig sitzend, gefüttert werden sollte. Unter Franzens beseelter Führung formten die taumelnden und schwankenden, innerlich aber besessenen Kohlheimer ein anfälliges Reservoir für übergeschnappte Feldzugscharlatane, Brezelgeneräle und militärische Kohlrabiapostel. Der sagenhafte Blitzkrieg, den Franz damals gegen die Welt führte, verlief so schnell, daß viele Soldaten, die mit Panzerfäusten in der Ebene herumliefen und Kanonen hinter sich herzogen, glaubten, sie hätten nur vom Krieg geträumt, als er schon längst gewonnen war. Franz, auf Weltherrschaft bedacht, hatte alle Finsterwalder, nachdem die Schlacht gegen die Maulwürfe geschlagen war, aus dem Kohlheimer Höhlen- und Schützengrabenkulturbeweis an das volle Tageslicht hervorgezogen, ließ Campingzelte aufschlagen und die Kohlheimer in einen Waffengang ziehen gegen einen unsichtbaren Feind, der in den Köpfen der Kohlheimer visionäre Gestalt angenommen hatte. Bis sie merkten, daß sie sich aufgemacht hatten, einen Feind zu besiegen, der anstelle der verlorenen Gleichgewichtsflüssigkeit in ihren Hirnen herumspukte, war der Krieg geführt und gewonnen. Die Welt hatte es vorgezogen, sich kampflos zu ergeben. Jedenfalls hatten die Kohlheimer den Feind mehr erahnt als gesehen. Die Panzerfäuste warfen sie über die Stadtmauern, trugen sie im Eilmarsch über die Ebene, um sie wütend in die Finsterwälder zu schleudern, in denen ein unsichtbarer Feind vermutet wurde. Der Blitzkrieg gegen die restliche Welt erschien vielen Soldaten wie ein Sandkastenspiel, da sie nur Feldmäuse auf der abgeernteten Ebene sahen und der Feind in die Flucht geschlagen war, bevor sie selber Stellung bezogen hatten. Die Ebene von Kohlheim schwappte über vor triumphierenden Helden. Die Heldentaten waren so zahlreich, daß es mehr Heroen als Bürger gab. Gedenktage wurden gefeiert und der Große Franz auf Bärenfellsänften durch das Zeltlager getragen. In der Schlacht soll es um die Erringung der Weltherrschaft gegangen sein. Zweifel über das Stattfinden des Krieges wurden jedoch laut, das Gemetzel in der Ebene hätte sich nur in den Köpfen der Finsterwalder abgespielt und in ihrer Phantasie ungeahnte Ausmaße angenommen. Heute gelten die Kohlheimer als ewige Blitzkrieger und ihre netten Hausfrauen sagen, sie seinen es auch im Bett. Das einzige Lebewesen, daß sich nichts aus Blitzkriegen zu Lande, zu Wasser oder in den Betten machte, war Tantra, das zottelhaarige Ungeheuer, Tantra der Übermensch, der krabbelnd den ruhmreichen Blitzkrieg überstanden hatte, fressend, schmaztend und kauend, Kleintiere vertilgend. Tantra war - abgesehen von seiner spontanen Intuition - Analphabet geblieben. Die Bewunderer Tantras sahen darin das Gottesgnadentum, weil sie Analphabetismus mit seeliger Armut im Geiste verwechselten. Viele Kohlheimer, auch der Flokativerkäufer, wünschten sich nichts sehnlicher herbei, als das Ende der grausamen Diktatur des Franz und wären bereit gewesen, an seiner Stelle entsprechend dem Vorschlag Rasputins, Tantra zum König von Kohlheim auszurufen. Doch mehrere revolutionär angehauchte Jungfinsterwalder kamen eines Nachts, um mit Hilfe von Metallsägen den Käfig aufzubrechen und dann Tantra mit einer sieben Meter langen Schweinswurst herauszulocken. Sie prügelten Tantra mit Eisenstangen, bis Tantra, jeglicher Gutmütigkeit beraubt, in ein prähistorisches Brüllen ausbrach, Schmerzenslaute von sich gab und mit einem Satz von zehn Metern Höhe die Stadtmauer übersprang, um in der Weite der Ebene seine Freiheit zu suchen. Die Bürger der Stadt, durch das steinzeitliche Gebrüll aus dem Schlaf gerissen, schlugen ihre Fensterläden auf, um auf einen Marktplatz zu starren, wo sich im silbrigen Licht des Mondes ein leerer goldener Käfig präsentierte, dessen augesägte Gittertür beziehungslos über dem Kopfsteinpflaster pendelte. Die Befreiung Tantras durch die sieben Anarchisten und seine nächtliche Flucht verursachte eine unerfindliche Erregung im Volk. Franz verkündete den Notstand und ließ nach den Anarchisten fahnden, da er sich selber bedroht fühlte. Sein Blitzkrieg hatte ihn berühmt gebracht, doch war dieser gegen einen unsichtbaren Feind geführt worden. Er konnte die Anarchisten nicht fassen und lief resigniert zu Opa Kohl, der unermüdlich, im Alter von einhundertzwanzig Jahren, auf das goldene Zeitalter hoffte. Mit einer gewissen Altershellsichtigkeit wertete Opa Kohl das Entschwinden Tantras als den Beginn einer neuen Phase der Stadtgeschichte. Und eines Tages wurden Franz und Geierwally auf offener Straße von zwei Panzerfäusten zerfetzt, die aus einem Fuhrwerk geschleudert wurden, von einem Mann, der unsichtbar blieb, weil er in einem von sechs galoppierenden Pferden gezogenen Jauchefaß entkam. Tantra aber blieb verschollen und die Kohlheimer vergaßen ihn bald völlig, wandten sich gemäß der Devise Wohlstand ist alles ihrer täglichen Arbeit zu und nahmen das Schicksal einer Kleinstadt auf sich, die dazu bestimmt schien, auf alle Ewigkeit in einer Mischung aus Langeweile und Ohnmacht zu verharren. |