Biographie 1

Hasenfuß war Referent einer Weltfirma. Er hatte mit dem Thema: »Der Mittagsessenszuschuß im Arbeitsrecht« promoviert und die Bürolaufbahn eingeschlagen. Vor Dienstantritt war er sich im klaren, daß es sich um ein Sprungbrett nach oben handelte. Geschäftsführer Löbner sprach von Aufstiegschancen. Diese seien nicht leistungsunabhängig. Er müsse selber um seinen Aufstieg kämpfen. Der Zugang zur Geschäftsführung würde ihm nicht verwehrt.

Hasenfuß übernahm das Arbeitsrecht. Als Student hatte sich Hasenfuß spezialisiert, um im Arbeitsrecht unschlagbar zu werden. Abgefragt, eine sekundenschnelle Antwort zu geben, war sein Traum gewesen, wie ein Computer antworten zu können, nach Möglichkeit richtig, vor allem schnell und mit höchster Entschlußkraft. Schnelligkeit entscheidet, dachte Hasenfuß, und er feilte an seiner Karriere.

Bei seiner Vorstellung sprach man über seine Doktorarbeit. Generalsekretär Guzmann hatte gefragt, ob der Arbeitnehmer einen Anspruch auf Mittagsessenszuschuß habe. »Der Mittagsessenszuschuß erfüllt die Fürsorgepflicht des Unternehmers«, sagte Hasenfuß: »Er löst das Problem der Mitbestimmung und ist Vermögensbildung in der Arbeiterhand. Er dient der Realisierung des Sozialstaates.« Seine Darlegungen hinterließen einen guten Eindruck und Hasenfuß war mit allen arbeitsrechtlichen Vorgängen betraut worden. Abteilungsleiter Paulcke ließ ihn bedeutungsvolle Korrespondenz mitunterzeichnen.

Hasenfuß vertrat sein Referat gegenüber den Ministerien. Sein alertes Wesen trug ihm die Sympathien seiner Kollegen ein. Er sicherte sich einen Platz in der Tischtennismannschaft des Hauses. Die Sekretärinnen betrachteten Hasenfuß als einen Gewinn für die Firma. Das Betriebsklima hätte sich verbessert. Hasenfuß versäumte es auch an harten Arbeitstagen nie, einen Scherz vor dem Stenogramm einzuflechten. Seine geschickte Gesprächsführung am Telefon mit seinen Kollegen, in Zusammenkünften mit den Ministerialbeamten auf der Fachbereichsebene, trugen ihm den Ruf eines intelligenten und beschlagenen jungen Arbeitsrechtlers ein mit, dem man am besten zusammenarbeiten könnte und der nie um eine Antwort verlegen sei.

»Wissen ist Macht«, dachte Hasenfuß und freute sich seiner wachsenden Beliebtheit. Seine Stellung in der Büroorganisation war gefestigt.

»Wissen allein genügt nicht, man muß es unter die Leute bringen«, dachte Hasenfuß. Wissen muß gefährlich werden, was erst eine Karriere möglich macht, und er dachte an seinen Aufstieg.

Hasenfuß übernahm die ständige Federführung für den arbeitsrechtlichen Hauptausschuß. Damit bildete er die Schaltstelle der Firma. Er hatte Kontakt zu Assessor Bumpke vom Ministerium, der ihn über die gesetzesvorbereitenden Maßnahmen informierte.

Zu Assessor Bumpke entwickelte sich ein vertrauliches Verhältnis. Hasenfuß blieb häufig im Ministerium, wobei die arbeitsrechtliche Situation der Republik erörtert wurde. Sein Wissen weitete sich. »Wissen ist Timing«, dachte Hasenfuß, wenn er sein schwarzes Dokumentenköfferchen »Attaché« zuklappte, seine Krawatte zurechtrückte und Assessor Bumpke, mit dem ihn ein freundschaftliches Du verband, das sie bei einem Glas Wein in der Gaststätte »Rheinlust« ausgetauscht hatten, ein schönes Wochenende wünschte. Im Rahmen ihres Funktionszusammenhangs wollten sie sich gegenseitig hochbumsen. Aufstieg sei ein verrückter Messerlauf. Den Sinn des Lebens sähe er im Bumsen, sagte Bumpke. Er schielte etwas, war auf dem linken Auge fast völlig blind. Timing ist Bumsen, Funktionieren, dachte Hasenfuß. Eine Frage der Formulierung.

Seinen unaufhaltsamen Aufstieg verdankte Hasenfuß dem Gedankenaustausch mit Assessor Bumpke vom Ministerium. Er wurde zum bestinformierten Sachbearbeiter auf dem Gebiet des Arbeitsrechts. Regelmäßig versah er in der Fachzeitschrift »Recht der bürgerlichen Arbeit« die Urteile der Obergerichte mit Anmerkungen. Für seine Kollegen war er kaum noch zu sprechen. Seine Sekretärin, Frau Zybulla, wies Bürobesucher ab: Doktor Hasenfuß ist im Ministerium, auf Dienstreise, arbeitet heute durch, wünscht nicht gestört zu werden, hat leider keine Zeit, hat zuviel Arbeit, ist in der Bibliothek, im Arbeitsausschuß, bei Assessor Bumpke. Hasenfuß wurde wegen seiner Arbeitsüberlastung bedauert, die darin bestand, so zu tun, als ob er etwas tat, was seine Beliebtheit steigerte. Kollegen machten darauf aufmerksam, daß Hasenfuß ungewöhnliches Format besäße, zum Aufstieg prädestiniert sei. Anders könne man sich die Überbeschäftigung des Doktors nicht erklären. Er sei ein besonders dynamischer Sachbearbeiter, von denen es wenige gäbe. Die Gesellschaft benötige solche mit Cleverness, Tatkraft und Fachkenntnis ausgestatteten Männer, um auf den internationalen Märkten konkurrenzfähig zu bleiben und den Wohlstand zu wahren.

Hasenfuß kündigte überraschend zum 31. Dezember, ohne einen Grund anzugeben. Seine Kollegen konnten Aufschluß über seine Motive nicht erlangen. Nicht einmal Assessor Bumpke vom Ministerium wußte Bescheid. »Vielleicht wollte er nicht mehr mitbumsen?«, bemerkte er am Telefon zu Fräulein Zybulla in seiner zynischen Art, die seinen Sachverstand unterstrich.

Andreas Leitolf: Amalgam