Urnen

Der Mann, der die automatische Drehscheibe erfunden hat und Zeit seines Lebens an seiner eigenen Urne töpferte, saß Tag und Nacht mit den Händen formend und den Hohlraum des Gefäßes mit den Fingern austastend gebeugt über dem grauweißlichen Drehton. Da er sich über die Größe der Urne nie schlüssig werden konnte, weil er den voraussichtlichen Umfang seiner Asche nicht kannte, vergrößerte und verkleinerte er die Urne, während die Urne auf der Drehscheibe sauste und bald ins Unermeßliche wuchs, bald unter den spielerisch arbeitenden Händen ins Nichts absank.

Zu jener Zeit kam ein Fremder in die Stadt, in einem abgerissenen blauen Mechanikeroverall, mit schwarzem, breitkrempigen Westernhut, Cowboystiefeln, an denen silberne Sporen glänzten, einem Löwenkopfgürtel um den Bauch, vor dem er wie einst Orest, der seinen Vater zu rächen gekommen war, eine dunkle Urne mit seiner eigenen Asche trug. Der fremde Mann versteifte sich darauf, sein eigenes Gespenst zu sein. Er sah aus wie der Rächer von Texas, sprach wenig und fragte nur nach dem Töpfer von Kohlheim.

Mit ausgestreckten Armen trug er seine Urne vor sich her und behauptete vor zwanzig Jahren Opfer der Kriegswirren geworden zu sein, einer Feuerbrunst, nach deren Ende er sich als Gespenst wiedergefunden und seine eigene Asche in einer alten, rissigen Kürbisschale aufbewahrt habe. In der Tat war seine Urne, die er vor dem Bauch trug, eine Kürbisschale, die im Lauf der Jahre das Aussehen einer häufig benutzten Urne angenommen hatte. Es war ein bauchiges Gefäß, das sich nach oben verjüngte, und es war vollgefüllt mit grauschwarzer Asche, angeblich den sterblichen Überresten des Mannes, der das düstere Gebaren des Rächers von Texas an den Tag legte.

Viele Bürger hielten den Mann für geistig verwirrt, als sie ihn wie auf schlüprfigen Grund mehr taumelnd als gehend in der Hitze der fünften Jahreszeit über das Kopfsteinpflaster des Marktplatzes laufen sahen. Das Gesicht des Mannes verbarg sich unter einem gewaltigen Hut hinter einem wildwuchernden Bart, der zwei kleine weißblaue Augen freiließ, die starr auf die Urne blickten. Stolpernd und mit größter Aufmerksamkeit darauf achtend, daß die Urne, die ein unermeßliches Gewicht besitzen mußte, nicht auf dem Boden zerschellte, war er sichtlich von seiner langen Reise über die Ebene geschwächt. Enthielt die Urne die Asche eines ausgewachsenen Büffels? Der Mann konnte die Asche, die seine eigene gewesen sein soll, kaum tragen.

Die Menschen in Kohlheim waren Fremden gegenüber mißtrauisch. Sie hatten in ihrer kurzen Geschichte noch nicht viel gesehen und die Isolation, in der sie lebten, war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen, sie glaubten nur an das, was sie sehen und anfassen konnten. Halluzinationen oder Hirngespinste erkannten sie sofort und wiesen sie stets weit von sich. Soweit sie sich zurückerinnern konnten, gab es keinen Menschen, der seine eigene Asche in einer Urne stets mit sich führte. Daher erachteten sie den Fremden für einen Verrückten oder einen Hochstapler.

Der Fremde ging am Präsidentenpalast, in dem zur Abwechslung Opa Kohl residierte, vorbei und steuerte auf die neben der Jonathanschen Post eingerichteten Töpferwerkstatt zu. Es herrschte Bienenemsigkeit, der Töpfer von Kohlheim arbeitete an einer Massenurne, in der die gesamte Sippe der Finsterwalder Platz finden sollte. Die Finsterwalder waren einer der führenden Gründerstämme. Sie hatten sich den voraussichtlichen Umfang ihrer Asche errechnet und wollten noch zu Lebzeiten das Entstehen ihrer Urne verfolgen. So hatten sie eine Familienurne in Auftrag gegeben und der Töpfer arbeitete mittels eines mächtigen, die Werkstatt ausfüllenden, für den Bau der Finsterwalderurne aufgestellten Gerüsts. Diese Urne, in deren Innern der Meister stand, als der Rächer von Texas die Werkstatt betrat, in deren dunklen Bauch er verschwand und wie ein türkischer Bauchedner murmelte, besaß den Umfang eines Jauchefasses. Stets war er umgeben von einigen sachverständigen Männern der Finsterwaldersippe, die an der Urne herumklopften, Signale nach Innen gaben, die Stärke der Wand prüften und mit dem Töpfer durch die Urnenwand redeten wie durch eine Gefängnismauer, Klopfzeichen trommelten und Verbesserungsvorschläge machten.

Die Finsterwalder drehten sich erstaunt um, als der Rächer seine Urne auf den Boden setzte, während der Meister etwas über schlechte Sichtverhältnisse, ungesunde Feuchtigkeit und stickige Luft aus dem tiefen Inneren brummte. Kohlheim war noch so jung, daß es Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben wären, noch nicht gegeben hatte und die politischen Toten verscharrte man vor den Stadttoren im Sand oder warf die den Geiern zum Fraß vor, - das Problem der Urnen war noch eine Spielerei.

Die Finsterwalder flüchteten schreiend aus der Werkstatt, da sie ihrem ersten Toten in lebendiger Gestalt begegnet waren und Anton Finsterwalder, der für seinen Hang zum Übernatürlichen bekannt war, verkündete den Einzug des Ewigen Juden, der seine Asche in ihre Familienurne umfüllen wollte. Der Töpfer steckte seinen Kopf über die Urne, um nach dem neuen Kunden zu sehen. Er erinnerte sich an eine Predigt des Pädagog Paulus, der wieder einmal die Ankunft des alten Finsterwalder Urkopfes prophezeit hatte. Dieser sei unterwegs, von tausend Finsterwaldsoldaten auf einer Stange getragen, um aus den Sümpfen jenseits der Wolfsgrenze nach Kohlheim zu kommen. Er sei Analphabeth und würde sämtliche Urnen mit Riesenkeulen zerschlagen und die Stadt zu ihrer einstigen Blüte zurückführen. Der Töpfer sah keine Keulen, sondern nur die aschegefüllte Urne, faßte sich dann ein Herz und frug den Mann nach seinem Anliegen. Der Rächer sagte ohne mit der Wimper zu zucken: »Ich brauche einen neue Urne für meine Asche.«

Und während der Töpfer aus der mächtigen Finsterwalderurne stieg, sich den zu Staub getrockneten Drehton vom Mantel klopfte, machten die Finsterwalder in Kohlheim das Begehren eines Mannes kund, der es verstanden hatte, sich mit seinen hohen Schaftstiefeln wild und hart gegen die bedrängenden Wölfe zu wehren und die Asche seines eigenen Ablebens durch das moluske Gezerre des Krieges zu retten, in einer einfachen, löchrigen Kürbisschale und dabei gleichwohl in dieser Zeit am Leben geblieben war.

Als Opa Kohl die Nachricht vom Mann mit der Urne zugetragen wurde lief er in seinen braunen Knickerbockerhosen zur Werk- und Wirkstätte des Töpfers, da er jeden neuen Bürger persönlich mit Handschlag begrüßte. Der Glaube an den Ewigen Juden wie auch an die Wiederkehr des Finsterwalder Urkopfes waren für den Gründungsvater Chimären. In seiner Altershellsichtigkeit war er Rationalist bis in seine frisch gewaschenen Socken, die er neuerdings jeden Tag in verschiedenen Farben trug, da es nach langen grauen Zeiten Unterwäsche in den allen Farben des Regenbogens gab. Zwar trugen die Leute noch die alte Stadttracht, sackrupferne Kutten mit ausgeschnittenen Kopflöchern, doch war der Fortschrittliche an den seltenen, bunt schimmernden Socken zu erkennen, so daß Opa Kohl in zinnoberroten Socken unter seiner Kutte in der Töpferei aufkreuzte, um seine liberale Gesinnung zu beweisen.

»Für die Asche von Gespenster habe ich keine Urnen, da der endgültige Umfang noch nicht auszumachen ist«, sagte der Töpfer, als Opa Kohl in der Türöffnung erschien und den Rächer mit einem mannhaften Schulterschlag begrüßte, stadtvätergleich, jovial und mit unendlicher Freude, da er glaubte, den lang vermißten Geist von Kohlheim vor sich zu haben. Tatsächlich ließ der Fremde ein intellektuelles Klappern vernehmen, das an morbides Krachen zusammenschlagender Skelette erinnerte. Opa Kohl hob die Kürbisschale auf und steckte seine Nase hinein, schnupperte an einer Substanz, die aus den Kriegswirren gerettet worden war. »Friede Deiner Asche«, sagte Opa Kohl und nahm den Fremden mit festem Griff am Ellenbogen, damit er samt seiner Urne Quatier im Gemeindehaus finden könne.

Opa Kohl war Realist bis in seine gelben Kamelhaarpantoffeln hinein, die er trug, wenn er über das Kopfsteinpflaster schlurfte. Er war der Überzeugung, daß er Zeuge einer historischen Stunde geworden war und den alten, längst vergrabenen Geist Kohlheims vor sich hatte, der sich auf der Suche nach ewiger Ruhe in eine neue Urne umfüllen wollte.

Auf dem Dach des Gemeindehauses stellte er sich neben den Fremden, wie der Teufel neben Christus auf den Tempelzinnen, mit der Aufforderng, sich herabzustürzen, und Opa Kohl hob die Urne und zerstreute die Asche in alle vier Himelsrichtungen. Als wäre Kohlheim die Urne, die Urne Kohlheim, hörte man ein letztes Klappern und der Fremde mit dem unerklärlichen Ruhebedürfnis stürzte sich wortlos, kopfüber vom Dach, um unten im Garten des Gemeindehauses seinen letzten Atem auszuhauchen.

Seit dieser Zeit wußte Opa Kohl und mit ihm ahnten es die Bürger, daß der Geist dieser ewigen Kleinstadt wie der verlorene Sohn zurückgekehrt war aus der Kriegsmetzelei und die lang verdiente Ruhe vor dem Gemeindehaus in einem von Petersilie und Schnittlauch bestanden Gemüsebeet gefunden hatte.

Andreas Leitolf: Amalgam