Scheiterhaufen

Als Opa Kohl in der Kirche des Heiligen Franziskus seine altliberalen, geistigen Vorstellungen wieder aufforsten wollte, als Dolores Babilionia um die monetäre Grundlage der Daseinsanalyse mit Johnny auf dem Marktplatz feilschte, der die Tiefenpsychologie zur Basis des Whiskyhandels machen wollte, als seine Schwester nur mit Müh und Not davon abgehalten werden konnte, über Nacht das Haus zu verlassen und nach Lambarene zum Urwalddoktor zu gehen, in einer Zeit, die durch den Aufschwung der Gefühlskälte in Form kleiner weißer Cheverolets gekennzeichnet war, in der ein amerikanischer Präsident namens Kennedy an die Berliner Mauer pinkelte, als habe er sie selbst gebaut, einer Zeit, die voll war von Unwägbarkeiten, aus denen schon die neue Weltrichtung herausgedeutet werden konnte, die zu einem unaufhörlichen Krückenschlagen der Bürger führte, zu einem Anpassungsverlust an die herkömmlichen Whiskymarken der Neuzeit, unter denen Johnny Walker kulminierte, aber noch nicht siegte, weil ein gelber, zerlumpter, abgerissener Mann die Wolfslinie allein und ohne Zögern gesprengt hatte, die Wölfe mit einem Handstreich seiner Urwaldmachete auseinandergejagt hatte, Wölfe, die einen undurchdringlichen Gefahrenkreis um Kohlheim gebildet hatten, der bis dahin für unüberwindlich galt, - wegen dieses gelben Vorläufers des apokalyptischen Weltgerichts stand in Kohlheim, das im Zustand des lustvollen Interregnums verharrte, ein Mann namens Porkyr auf, der sich eines Tages mitten auf den Marktplatz stellte und ganz allein die Wiedereinführung des Mythos bei Rilke forderte und zur allgemeinen Bücherverbrennung, diejenigen Rilkes ausgenommen, aufrief. Der Mann im schwarzen Rollkragenpullover und mit randloser Brille suchte nach dem Mythos Kohlheims und seine eigene Leere harmonierte mit dem Mythos einer leeren Welt.

Nach der Abberufung des Paulus durch das Wasser verkündete er auf der Kanzel ohne Krücke, aber mit sanften, dunklen Worten das Ende aller Zeiten, das bevorstehende Weltgericht, daß nicht mit schwerttragenden Engeln, Teufeln und Heiligen kommen würde, sondern mit der Sintflut beginnen würde.

Auf den Appell Porkyrs hin drangen eines Nachts Jugendliche in die Buchhandlung eines alten, weißbärtigen Juden ein, der in der Judengasse lebte und unter dem Namen Solidarität Bücher verkaufte, zu herabgesetzten Preisen, rote Bücher freilich, denn was hätte er auch anderes als geistiger Mensch in der Zeit zwischen 1880 und 1980 verkaufen sollen.

Aus allen Ecken und Enden der Stadt wurden rote Bücher hervorgezerrt, dann suchte man die braunen Bücher und man setzte zwischen die braunen und roten Bücher das Ist-Zeichen und verurteilte alle Bücher, die entweder rot oder braun waren, und da es rot-braune nicht gab, gab es außer Rilkeelegien keine Bücher mehr in dieser Stadt Kohlheim zu kaufen, die bald darauf in Verdammnis übergehen sollte, weil sie außer Rilke nichts mehr zur Orientierung zu bieten hatte.

Zwei riesige Scheiterhaufen mit roten auf der einen, braunen Büchern auf der anderen Seite, beanspruchten den ganzen Marktplatz der Stadt, deren Wolfsgrenze inzwischen gesprengt war, die im Grunde bereit war für den Einzug der geistigen Freiheit, der aber im letzten Moment die Richtschnur für eine Neuorientierung durch die Verbrennung der Bücher genommen werden sollte. Dann loderten sie auf, die beiden Haufen, dann kam Dolores Babilionia mit ihren daseinsanalytischen Sprüchen und warf ihre buntsteinigen Halsketten in das Feuer, dessen Flammen ein Mienenspiel freigab, das aussah wie ein saurer Apfel, der in Schweizer Liberalität gebissen hatte, die im Grunde nichts anderes war, als ein mit dem Mythos Rilkes verbrämtes Käseloch.

Das Kohlheimer Paradies wurde geöffnet und Johnny Walker, der Wellenreiter, der den richtigen Riecher für die Entwicklung des Weltzusammenhangs stets besaß, schlug Opa Kohl endlich breit im Sinne des Heiligen Franziskus, die Wirtschaft auf whiskytrinkende Franziskanerpüppchen umzustellen, die, hergestellt in den Zellen der Mönche, exportiert in die Entwicklungsländer Afrikas, Südamerikas und Asiens, der Wirtschaft Kohlheims das langersehnte Diamantenfieber einimpfen sollten, nach dem die Menschen in der Ebene dürsteten.

So vermochte auch Rilke, der außer dem Satz: »Die Erde schenkt« nichts Bemerkenswertes hervorgebracht hatte, und der Heilige Franziskus nicht mehr die Welt aus ihrem Fahrwasser leieten; die Welt verschmerzte die Bücherverbrennung schnell, weil es hierauf in Kohlheim in diesem Moment der Rhapsodie, die einen Gipfelpunkt erreichte im Export whiskytrinkender Franziskanerpüppchen, schon gar nicht mehr ankam.

Andreas Leitolf: Amalgam