Buchzauber

Der traurige Selbstmord der Rosi Finsterwalder lag noch in weiter Ferne, als Kohlheim sich in den Himmel der Weltkunst aufzuschwingen begann und Johnny seine ersten Vorstellungen auf einer am Marktplatz errichteten Holzbühne gab. Er blies die Buchstaben aus den Blättern seines schwarz eingebundenen, titellosen Whiskybuchs und dann wieder hinein, - wie er wollte. Wildfremden Leuten, die dahergelaufen kamen, hielt er das leere Buch mit den weißen Blättern vor die Nase und ließ sie blasen, danach waren viele Hasenfußgesichter im Buch.

Stets wenn Ruhm im Spiel ist, steht eine Frau dahinter. Es war Buschka, die Deutschfraulichbrünnenhafte, die rundlichtemperamentvolle Buschka, die auf Tischen tanzte und kochen konnte wie keine zweite, die ihre sieben Kinder in die Welt setzte, Buschka, die Urfrau mit den Ketten um die Brust, dem Keuschheitsgürtel um die Hüfte, den Johnny abzusperren pflegte, wenn er zur Vorstellung auf den Marktplatz ging. Buschka war temperamentvoll, kräftig gebaut und rundlich proportioniert. Sie hatte blondes, langes Haar wie die Loreley, nur sang sie nicht so schön, dafür aber lauter, wenn sie getrunken hatte. Manchmal, wenn die Stimmung stieg, tanzte sie auf den Tischen. Sie war Deutschslawin, Herzeloyde hieß ihre Mutter, Kohlsalzl ihr Vater und aus der Kirgisiensteppe kam ihr Großvater. Buschka kam von einem anderen Stern. Sie war das potenzierte Weib.

Sie erkannten sich im Wald beim Beerensammeln. Sie gab ihm einige wilde Erdbeeren zu kosten und sagte: »Du wirst mein Mann, sieben Kinder werde ich Dir schenken und aus Dir den größten Buchmagier der Welt machen. Hier ist das Buch.« Buschka zog ihn bei diesen Worten an der Hand durch den Wald und sie kamen zu einem Blockhaus. »Komm herein«, sagte Buschka und öffnete die knarrende Tür. Im Schlößchen war Heu, der Heilige Florian baumelte an der Wand und das Zauberbuch lag groß und breit im schwarzen Einbanddeckel auf dem braunen Holztisch, zwei grüne Weingläser standen daneben und Buschka schenkte aus dem mächtigen Steingutkrug Rotwein der Marke »Goldener Oktober« ein. Damit besiegelten sie den Bund für das Leben, er wurde Magier, sie wurde seine Frau. Jedes Jahr im Oktober kam ein Springinsfeld, deren sieben sprangen nach sieben Jahren durch Wald, Feld und Wiesen rund um Kohlheim. Fische, Rehe und Hasen jagten sie mit einer Leidenschaft, die sie in ständige Unruhe versetzte. Beim Standesamt von Kohlheim ließen sie sich bald registrieren. Unter der Rubrik Wilde Ehe trug der Beamte in das Familienbuch Hasenfuß, Buschka (Ehefrau), sieben Kinder mit christlichgermanischen Namen (genannt Springinsfeldkinder) ein. Sie hatten es sich sauer werden lassen, die Namen für die Kinder auszuwählen, bis sie alle sieben nach der Geburt der Jüngsten in einem Leiterwagen zur Kirche fuhren und sie gemeinsam taufen ließen. Buschka wollte nicht jedes einzeln taufen, sondern wartete, bis das siebte auf der Welt war. Sie sagte: »Eine große Taufe ist lustiger.«

Johnny lebte mit ihr im Wald bei Kohlheim. Aus der Ehe mit Buschka entsprangen vier Jungen und drei Mädchen. Sie tummelten sich auf der Ebene und im tiefen Finsterwald, sammelten wilde Erdbeeren, stahlen Pflaumen und Kirschen und jagten Wildschweine im Unterholz. Die Kinder kamen in den Genuß seiner und Buschkas Menschenliebe. Buschka liebte den Hasenfuß in Johnny und er liebte das Deutschfraulichbrünnenhafte an Buschka, das ihn stets erregte, wenn es ihn berührte, da ein Schuß slawischen Blutes darin enthalten war. Ihr verdankte er seinen europaweiten Ruhm als Buchmagier. Er fand Gefallen und sie riß ihn hin und machte ihn zum größten Hasenfuß der Alten Welt.

Aber ist eine Welt alt, die von Magiern in Bewegung gehalten wird? Ist eine Welt alt, in die aus allen Kontinenten Menschen gereist kommen, nicht nur, um den Staub des Mittelalters zu kosten, sondern um Johnny Hasenfuß, den großen Buchzauberer, zu sehen? Wer weiß, ob es in anderen Sonnensystemen derartige Buchmagier überhaupt gibt? Aber Johnny mußte seine Kunst mit Fleiß und Preis erlernen: Er war kein Meister, der vom Himmel gefallen wäre und nahezu alles verdankte er seiner geliebten Buschka, seinem Weib, weil sie es war, die ihn in den Stand, die Zunft der Zauberer erhoben hat.

Sein Künstlerberuf füllte ihn aus und ernährte die Familie. Johnny lebte von Gaukeleien, die er auf dem Marktplatz veranstaltete. Die Kohlheimer waren kunstbeflissen. Seine Auftritte erfolgten im Rahmen der bunten kaleidoskopartigen Veranstaltungen des Kohlheimer Sommers. Seine Kunst bestand in der endlosen Variation des Buchzaubers. Johnny Hasenfuß: Buchzauberer, stand auf den Programmen, die zu Beginn des Sommers verteilt wurden. Seine Stellung unter den vielen aus dem In- und Ausland verpflichteten war gesichert. Sein Auftritt zog zahlreiche Zuschauer an. Er bestieg jeden Abend, Punkt einundzwanzig Uhr die am Marktplatz aufgerichtete Bühne und begann seine Vorstellung. Sein einziges Requisit war ein titelloses Buch aus einem schwarzen Einband und großen, weißen, in den Rücken geklebten Blättern.

Dieses leere Buch war die Grundlage seiner Kunst. Er war Buchzauberer und europaweit bekannt. Es lag ihm fern, sich seiner Kunst zu rühmen, da nichts Übernatürliches hinter ihr steckte. Durch jahrelanges Studium der Schriften des Simplizissimus war er zu seinem Können gelangt. Ihm verdankte er die Grundbegriffe der Buchzauberei.

Das Erlernen der Buchmagie bedurfte vor allem der Geduld. Die ersten Handgriffe bestanden im einfachen Auf- und Zuschlagen des Zauberbuchs. Er übte das Buch Auf- und Zuklappen im Wald auf der Lichtung. Wilde Tiere krochen aus dem Unterholz hervor, um ihn bei seinem seltsamen Tun zu beäugen. Hasen hoppelten über die Wiese und setzten sich vor ihm nieder, Rehe schoben sich aus dem Gebüsch und Füchse schlichen aus dem Wald. Er war unversehens umringt von Tieren, die an seiner Pose Gefallen fanden, ihre Augen auf das hoch über seinem Kopf schwebende Buch richteten, seinen Armbewegungen folgten, über das Rascheln der Blätter im Wind erschraken, teilnehmend seinen Worten lauschten, die er bei seinen Vorführungen ausstieß. Er rief stets: »Seht!« Dann rief er: »Lest!« Dann rief er wieder: »Tretet näher!« Solche Rufe mitten im Wald waren ungewöhnlich. Er dachte an den Heiligen Franziskus, der mit den Tieren in ihrer eigenen Sprache redete. Wenn er es auch nicht soweit brachte, war er doch gewiß, daß ihn die Tiere begriffen. Denn bei jedem Ruf rückten sie einen Schritt näher, bis er endlich das Buch nicht mehr auf die Erde setzen wagte, aus Angst, er könne ein Tier verletzen. Deshalb gab er nach seinen Übungen einen zischenden Laut von sich, der die Tiere rasch verscheuchte, und holte sein Zauberbuch wieder vom Himmel, stellte es auf die Erde und stützte sich darauf, um den Tieren nachzublicken, die sich in den Wald verzogen hatten.

Sieben Jahre probte er seine Kunst im Wald unter den Tieren, die ihn schon kannten, vertrauter wurden und nach seinen Vorstellungen Beifall spendeten. Sie scharrten mit den Füßen, quiekten, quietschten, röhrten und knirschten mit den Zähnen. Meist genügte ihm der Glanz in den Tieraugen, die im Sonnenlicht funkelten, um zu wissen, daß die Tiere mit dem Buchzauberer zufrieden waren. Da geschah es, daß ein Fuchs, dem die Trauben bisher zu hoch gehangen waren, einen Sprung tat, um einen Blick in das Buch zu werfen. Er sprang so hoch, daß er mit der Nase die weißen Blätter berührte, als diese lustig im Wind flatterten, sich aufrichteten, umfielen, von der einen auf die andere Seite geblasen wurden. Johnny klappte das Buch zu. Der Fuchs verzog sich mit den anderen Tieren in den Wald. Johnny ging zum Blockhaus, wo Buschka im Suppentopf mit einem langen Löffel rührte und das Abendessen zubereitete. Buschka legte den Löffel bei seinem Eintreten auf den Rand der Schüssel, wischte sich die Hände an der mit bunten Blumen gemusterten Schürze ab, warf sich ihm an die Brust und schlang ihre Arme um seinen Hals. Dabei fiel das Zauberbuch, das er unter dem Arm in das Haus getragen hatte, zu Boden, klappte auf und Johnny und Buschka sahen, daß die weißen Blätter über und über mit Fuchsgesichtern bemalt waren. Buschka sagte: »Es sind zwar nur Fuchsgesichter, aber der Anfang ist gemacht. Deine Lehrzeit ist beendet. Gehe hinaus in die Welt und fange Hasenfußgesichter ein. Dein Buch wird dir dabei helfen.« So sprach Buschka und Johnny glaubte ihr.

Sieben Jahre waren um, Buschka war hochschwanger und sie erlebten kurz darauf die Geburt ihrer jüngsten Tochter.

Sie feierten eine Taufe, die biblische Ausmaße annahm, der Pfarrer schwitzte und stöhnte, rannte von einem schreienden Täufling zum anderen, goß ihnen Wasser über das Haupt, streute Salz auf ihre Stirn und murmelte Taufgebete, wie es in Kohlheim Brauch ist.

Andreas Leitolf: Amalgam