Erfolg

Die Familie Johnny Hasenfuß war komplett. Er begann zu dieser Zeit mit der öffentlichen Ausübung seines Berufs. Noch war er nicht soweit, um auf dem Marktplatz aufzutreten. Anfangs zeigte er seine Künste in den Dörfern am Stadtrand, in Poppelsdorf auf dem Feuerwehrplatz, in Dransdorf auf dem Kirchplatz, in Dottendorf auf dem Schießplatz. Sein erstes Geld wurde ihm von Passanten in einen dunklen Schlapphut zugeworfen, den er am Ort seiner Zauberkünste postiert hatte. Abwechselnd nahm er seine Springinsfeldkinder mit, deren Namen er sich nie merken konnte. Der Dritte hatte schon früh Mundharmonika spielen gelernt. Buschka unterrichtete ihre Kinder auf diesem Instrument. Der Drittälteste spielte bald wie Abel auf der Mundharmonika, setzte sich bei den Vorstellungen in den Dörfern rund um Kohlheim neben Johnny und lockte durch sein zartes, weiches und sehnsüchtiges Spiel die Leute an. Hatten sich genug Leute versammelt, ließ Johnny seinen Sohn mit seinem Spiel aufhören, hob sein Buch über den Kopf und fing an zu rufen: »Seht!« Dann schlug er es auf und sprach laut: »Lest!« Schließlich sagte er: »Tretet näher«! Die Menge, durch das Mundharmonikaspiel angelockt, sah sich einer unerwarteten Vorstellung gegenüber. Weiße, leere, unbeschriebene Blätter waren es nicht, die über ihren Köpfen schwebten. Es waren Fuchsgesichter, dieselben Fuchsgesichter, die Johnny im Wald eingefangen hatte.

Die Menschen wunderten sich: »Was soll der Scherz?«, sprachen sie. Viele wandten sich enttäuscht ab und sagten: »Er will uns zum Narren halten.« In diesem Moment rief Johnny: »Wartet!« Die Menschen drehten sich um und begannen ungeduldig zu fragen: »Warten? Wozu?« Er senkte das Buch mit den flatternden Fuchsgesichtern und hielt es einem der Neugierigen, der noch staunend nach oben gaffte, vor das Gesicht: »Blase!«, rief er laut, so daß alle ihn hören konnten. Dieser Mensch fing an zu blasen, Blatt für Blatt mußte er durchblasen, wodurch ein Fuchsgesicht nach dem anderen ausgelöscht wurde. Anstelle der Fuchsgesichter waren Eselsgesichter zu sehen. Die Menschen, die sich wieder um ihn geschart hatten, um den Zauber zu erforschen, der sich vor ihren Augen abspielte, begannen zu lachen und zu schreien. »Eben waren es noch Fuchsgesichter«, riefen sie: »jetzt sind es Eselsgesichter!«

Dann hob Johnny das Buch vor sein Gesicht und blies, was seine Lunge hergab. Er blies und blies, und am Ende erschienen die Blätter seines Buches wieder leer, weiß und unbeschrieben, jungfräulich, taufrisch wie am ersten Tag, wie ein Taufkleid, so weiß strahlten sie im Sonnenglanz, die Seele hätte sich zum Himmel erheben mögen vor diesem Anblick. Die Blätter blitzten, blendeten die Augen der Menschen, die vergeblich auf ihnen nach Fuchsgesichtern oder Eselsgesichtern suchten. Geblendet senkten sie die Köpfe und schlossen die Augen und blickten tief in ihre eigene Seele. Nachdem er die Vorstellung auf diese Art beendet hatte, verließen die Menschen nachdenklich, mit gesenktem Haupt, die Plätze, auf denen Johnny aufgetreten war.

Seine sieben Kinder waren herangewachsen, der Älteste eben sieben, das jüngste Mädchen ein Jahr alt. Stützen ihres Vaters, lernten sie als Erstes nicht das Alphabet, sondern das Mundharmonikaspielen. Buschka legte auf Buchstaben und Zahlen keinen Wert. Vor dem Alphabet, vor dem Rechnen lernten ihre Kinder das Mundharmonikaspiel. Buschka war sehr musikalisch. Sie sang wie eine Göttin und blies die Mundharmonika wie ein Engel vor dem Holzschlößchen mitten auf der Lichtung. Die Tiere und Vögel des Waldes gruppierten sich um sie herum, um ihren Tönen zu lauschen. Tiere sind bekanntlich sehr musikalisch, jeder falsche Ton tut ihnen weh. Bei Buschkas Mundharmonikaspiel bekamen sie den feuchtglänzenden Ausdruck in den Augen, den auch Johnny hervorrief, wenn er den Buchzauberer unter den Tieren des Walde praktizierte. Buschka spielte mit Vorliebe nachts, beim Mondschein unter weiß blinkenden Sternen. Ihren Kindern gab sie bei Tageslicht Unterricht, fast jede freie Minute, die nicht mit Kochen ausgefüllt war, opferte sie dem Mundharmonikaspiel, so daß die Kinder bald gute Mundharmonikaspieler wurden, die sich im Dorf sehen lassen konnten.

Ihre Kinder hatten bei der Taufe mehr oder weniger christliche Namen erhalten. Später hießen sie Sprang, Spreng, Spring, Sprong, Sprung, Spröng und Sprüng. Jedes hörte auf seinen vereinfachten Namen. Sie gewöhnten sich daran, hörten die Vokale und fühlten sich wohl dabei. Meist rief Johnny überhaupt nur den entsprechenden Vokal, rief also I (seinen Drittältesten) der ihn mit der Mundharmonika begleitete oder Ü (ein Mädchen). A, E, I, O, U, Ö und Ü tummelten sich im Wald rund um Kohlheim, frühmorgens verließen sie das Schlößchen, das ihnen als Behausung diente, und kamen spät abends wieder. Oft brachten sie ein lebendig gefangenes rotes Eichhörnchen mit, zeigten es Buschka und setzten es dann wieder aus. Ihre Mundharmonika führten sie stets mit sich, auch auf der Pirsch.

Einmal gerieten die Springinsfeldkinder tief in den Wald und überraschten einen Mann beim Baden in Drachenblut. Nichtsahnend, mundharmonikaspielend waren sie durch den Wald geschlendert und hatten die zwitschernden Vögel beobachtet und nachgeahmt. Plötzlich standen sie unter einer Linde, hinter der sich ein nackter Mann im Blut eines schauerlich zugerichteten Drachen badete. Sein Schwert lehnte an der Linde, während Siegfried sich im Drachenblut wälzte, was ihm großes Vergnügen bereitete. Die Kinder traten näher, setzten die Mundharmonikas ab, wobei ein schriller Ton die Stille des Waldes zerriß, der an das hingezogene Trillern einer Polizeipfeife erinnerte. Staunend umringten die sieben Kinder den badenden Siegfried und es entspann sich ein Gespräch, das vom Drittältsten geführt wurde. »Was machst Du da?«, fragte er. Ich hörne »mich«, antwortete Siegfried. »Warum?«, frug der Drittälteste weiter. »Damit ich unbesiegbar werde«, sagte Siegfried. »Bist Du der gehörnte Siegfried?«, wollte Spring wissen. »So ist es«, sprach Siegfried im Drachenblut planschend. »Unser Vater hat ein Buch«, sagte Spring. »Ich habe ein Schwert«, hielt Siegfried dem Kind entgegen. »Was ist ein Schwert?«, fragte es. »Ein großes Messer«, sagte Siegfried. »Wir spielen Mundharmonika«, sprachen die Kinder erschreckt vor dem Mann, den sie für einen Schläger hielten.

Zwar hatten die Kinder in der Schule schon vom Helden Siegfried gehört, doch hatten sie den Leibhaftigen noch nie mit eigenen Augen gesehen. Wie er da so nackt im Drachenblut badete, fanden sie ihn kläglich, ja sogar komisch. Er war dünn, hager von Gestalt, hatte rote Haare, viele Sommersprossen auf dem Rücken und im Gesicht einen Milchbart. Pickel verunstalteten seine Haut, die über und über von einer Art Hautkrebs befallen war. Jedenfalls sah der Mann aus wie Siegfried von trauriger Gestalt. Seine Rüstung lehnte neben dem berühmten Schwert an der Linde, Rüstung wie Schwert glänzten im Sonnenlicht, das schräg durch den Wald auf die Badeszene fiel. Ohne Schwert und Rüstung scheint mit ihm nicht viel los zu sein, dachten die Kinder, und unser Vater Hasenfuß machte ihm wenig Eindruck. Vielleicht kennt er ihn gar nicht, hat noch nie von ihm gehört. Zu sehr damit beschäftigt, Bären und Löwen im Finsterwald zu fangen und an den Füßen auf Bäume zu hängen, scheint Siegfried eine ordentliche Schulbildung nicht genossen zu haben, dachten die Kinder A, E, I, O, U, Ö und Ü.

Sie wandten sich zum Gehen, hoben schon wieder ihre Mundharmonikas zum Mund, als Siegfried sich aufrichtete und drachenbluttriefend dem Bad entstieg.

Ein kleines Männchen, dachten die Kinder, als sie ihn in voller Leibesgröße sahen, - ein Hutzelmännchen. Und in der Tat war Siegfried klein und schrumplig von Wuchs und Gestalt, hatte einen krummen Rücken, fast gar keinen Hintern, spitze Knie und einen vorstehenden Bauch, der auf übermäßigen Biergenuß hindeutete. Ein gewaltiger Adamsapfel rollte grundlos unter einem mächtigen Doppelkinn, das dem Mann etwas Greisenhaftes verlieh. Die Kinder trauten ihren Sinnen kaum, als Siegfried jetzt ein trockenes Hüsteln von sich gab, dabei blutspuckend seine frischgebackene Drachenbluthörnung besudelte und infolge einer Sehschwäche wie blind nach der am Baum lehnenden Rüstung tappte, sie nicht gleich fand und mit dem Fuß in das danebenstehende Schwert trat. Siegfried schrie vor Schmerz laut auf, sprang wie Rumpelstilzchen auf dem einen Bein wild herum und packte mit beiden Händen den anderen Fuß, um nach der Wunde zu sehen, die blutend tropfte. Eine mit Staub vermischte Blutspur bildete sich um den tanzenden Siegfried, der jetzt wie ein Veitstänzer sinnlose Verrenkungen ausführte. Wild gestikulierend, mit beiden Armen und dem verletzten Bein rudernd, hüpfte der Nibelungenheld durch den Wald, seine Rüstung stand blitzend an der berühmten Linde, aber Siegfried dachte nicht mehr daran, sie sich überzustülpen. Die Kinder wunderten sich sehr und brachen bald in ein befreiendes Gelächter aus, denn einem nackten Derwisch, der von einer Tarantel gestochen wurde, gleich, jagte Siegfried durch das Unterholz. »So ein Held!«, riefen sie laut, als sie ihn schon nicht mehr sahen, Rüstung und Schwert bekamen Fußtritte und plumpsten in das restliche Drachenblut. Die Linde bebte wie unter Donnergrollen. Die Kinder nahmen ihr Mundharmonikaspiel wieder auf und begaben sich nach Hause, das Schauspiel in der Erinnerung mit sich tragend.

Als die Kinder am Abend wieder ins Schloß zurückgekehrt waren und nach ihrer Mutter suchten, um ihr von ihrem Siegfriederlebnis zu erzählen, fanden sie Buschka auf der Lichtung des Waldes, neben sich ein altes Grammophon mit einer Schallmuschel, die an Opa Kohls riesiges Messinghörrohr erinnerte, die er im Alter, von Taubheit geplagt, benutzen mußte. Buschka besaß nur eine einzige Schallplatte mit dem Titel »Roll over Beethoven«. Schon von der Ferne hörten die Kinder die krähenden Stimmen der Beatles durch den Wald tönen. Mutter ist abgesperrt, dachten die Kinder, Vater hat Vorstellung in Kohlheim. Wenn Buschka die Beethovenplatte auflegte, war Hasenfuß auf dem Marktplatz, um seine Buchmagie dem Volk zu zeigen. Der Stern des Künstlers Hasenfuß begann zu dieser Zeit zu steigen. Roll over Beethoven wurde zur Erkennungsmelodie, die Johnnys Buchzauberer, aus tiefer Waldesruh heraus und im nahen Kohlheim nicht zu hören, begleitete. Wenn Buschka die Beethovenplatte auflegte, war Hasenfuß auf Erfolgstournee. Friedlich aber einsam saß Buschka neben dem Grammophon und lauschte Roll over Beethoven, als sich die Kinder rings um sie niederließen und ihr die Geschichte von Siegfried erzählten. Buschka hörte amüsiert zu, sie habe sich aus Siegfried noch nie etwas gemacht, ob nackt oder in Rüstung mit Schwert, sagte sie, »Siegfried bleibt Siegfried. Was soll ich mit einem halben Mann?« So sprach Buschka und wandte sich wieder ihrem Grammophon zu. Aus dem Schloßfenster glühte das vor dem Heiligen Florian angezündete Lämplein, es war eine laue Sommernacht und der Friede auf Erden war in diesem Moment absolut.

Als Opa Kohl zum Friedenskaiser von Kohlheim gewählt wurde, setzte sich in der wachsenden Künstlerkolonie der Stadt, die sich Semikolon nannte und Maler, Bildhauer und Linolschneider beherbergte, ein Habitus durch, der von der Wilden Reiter GmbH, einer Gruppe aus Südfrankreich, mitgebracht worden war. Ihre Mitglieder waren stets zu Pferd unterwegs. Sie ritten wie Alibaba mit den vierzig Räubern auf Pferden, gleich welcher Art und Qualität, auf alten, jungen, schönen, häßlichen, großen, kleinen, dicken und dünnen Pferden, Rosinanten, Kleppern, Mähren, Gäulen, Rössern und Rennpferden in das Dorf, in das Dorf, um sie vor der Gaststätte Zum Hähnchen festzubinden. Die Männer der Wilden Reiter GmbH trugen schwarze Reitjeans, die in mit silbernen Sporen besetzten Stiefel steckten, schwarze Seidenhemden, deren silberne Knopfreihen bis zur Brust geöffnet waren und behaarte, sonnenverbrannte Männerbrüste zeigten. Sie traten in die Dorfgaststätte und warfen ihre schwarzen Schlapphüte lässig auf die Theke, setzten sich schweigend auf die hochbeinigen Barhocker, bestellten Berliner Weiße und löschten damit ihren riesigen Durst. Ein Hauch von Freiheit und Abenteuer schwebte über diesen Auftritten der silberschwarzen Reiter, die vom Kunstdezernat von Kohlheim eine Gage von zwei Millionen Mark pro Jahr erhielten. Das Einreiten der Wilden Reiter in das Dorf verursachte unter der Bevölkerung, die stets Spalier bildete, eine unerfindliche Erregung. War es der Geschmack des Wilden, der Hauch der zorrohaften Männlichkeit, den die verwegenen Männer ausströmten?

Johnny wurde einmal, als er mit seinem Zauberbuch nach der Vorstellung vom Marktplatz in den Wald ging, von den rauh, nach Art afghanischer Buzkashis in das Dorf einreitenden Schwarzhemden ums Haar über den Haufen geritten. Er holte das alte, abgeklapperte Pferd Fazzo seines Großvaters hervor, um es ihnen gleich zu tun. Eines Nachts, als Buschka mundharmonikaspielend unter funkelnden Sternen auf der Lichtung saß, kam Hasenfuß hoch zu Pferd, das schwarze Buch unter dem rechten Arm, mit der linken Hand die Zügel nach Art der mexikanischen Vaqueros lässig zusammengerafft, wie Don Quichotte als Ritter von der Kohlheimer Gestalt über die Lichtung, hielt das Pferd vor der sitzenden Buschka an, warf das Buch zu Boden, sprang mit einem Satz vom Rücken des Pferdes, den man dem ungeübten Reiter kaum zugetraut hätte, und sperrte ihren Keuschheitsgürtel mit seinem silbernen Schlüssel auf.

Seit dieser Zeit ritt Hasenfuß nur noch zu Pferd auf den Marktplatz, um die Einundzwanzig-Uhr-Vorstellung zu geben. Jetzt wurde er als der reitende Buchmagier in den Programmheften des Kohlheimer Sommers angekündigt.

Der Redakteur des Generalanzeigers schrieb einen langen Artikel über den wilden Buchmagier, dem es sicher noch gelingen werde, mit dem Pferd die Bühne zu besteigen und seine Magie vom Rücken des Pferdes aus zu zeigen. Hasenfuß übte hoch zu Pferd auf der Waldeslichtung; von Tieren umringt und von Vögeln beäugt saß er täglich im Sattel und reckte das Buch gegen den Himmel. Die weißen Blätter des Buchs flatterten über der wehenden Mähne des Hengstes, der nun in den Dienst der Buchkunst gestellt wurde. »Seht!« rief Hasenfuß, jetzt vom Rücken des schwarzen Fazzo. »Lest!« schleuderte er mit mächtiger Stimme den nähertretenden Tieren des Waldes entgegen. Dabei richtete er sich in den Steigbügeln des Pferdes auf. In diesen Momenten glich Hasenfuß dem Verkünder des Gesetzes. Er hielt das Buch wie eine Hostie in den Himmel, während Fazzo ein markerschütterndes Wiehern von sich gab und Hasenfuß das Buch mit einem kraftvollen Zurückreißen der Arme aufklappte. Vor und nach den Proben graste das Pferd friedlich unter den Tieren des Waldes. Hasenfuß hielt es nicht für nötig, seinen künstlerischen Mitarbeiter anzuplocken.

Außerdem war Fazzo ein willkommener Spielgefährte der Springinsfeldkinder geworden, die selbst zu reiten begannen, um mit der Hilfe kleiner, schwarzer Bücher in die Fußstapfen der Buchmagie ihres Vaters zu treten. Die kleinen, schwarzen Bücher sahen aus wie Taschenbücher und hatten das Format von Kinderbibeln.

Kometenhaftes Aufsteigen von Männern ist auf die Wirkung von Frauen zurückzuführen. Natürlich war Buschka keine Hexe. Sie konnte auch nicht zaubern. Aber sie war auch keine gewöhnliche Frau. Welche Frau besitzt schon ein Holzschlößchen mitten auf einer Lichtung im Wald? Welche Frau schenkt ihrem Mann zur Ehe ein Buch, wie es Johnny erhalten hatte, ein Zauberbuch, mit dem er seinen Ruhm in Kohlheim begründen konnte? Freilich hatte Buschka ein Geheimnis, wie es nur ungewöhnliche Frauen besitzen.

Buschka hatte einen Familiengeist in einer Flasche versteckt und unter dem Heu vergraben. Es war ein Flaschengeist, der im grüngefärbten Glas auf und nieder stieg. Buschka holte den Hausgeist mittwochs unter dem Heu hervor und konsultierte ihn. Dies geschah um Mitternacht bei Kerzenschein unter dem Bild des an der Holzwand baumelnden Sankt Florian. Wie Dampf oder Rauch regte der Geist sich unablässig im Glas. Buschka hielt ihn auf dem Schoß und sprach eindringlich mit ihm. Sie begann mit einem inneren Monolog, um den schlafenden Hausgeist zu wecken, dann entspann sich ein Dialog. Man hörte den im Glas herumprappelnden Qualm nicht reden, doch schienen Antworten, Rufe oder auch Ratschläge aus dem Glas nach außen zu dringen. Buschka nahm das Glas dicht an das rechte Ohr, lauschte, murmelte, wobei der Rauch in Schlieren vom Grund des Glases nach oben zum Flaschenhals zog, Drehungen vollführte und die Innenwände bestrich, als ob er einen Ausweg suchen wollte, wie aus einer Gefängniszelle. Buschkas Gespräche mit dem Familiengeist dauerten oft die ganze Nacht durch. Hasenfuß und die Kinder standen verlegen im Haus herum oder begaben sich ins Freie, um Buschka bei ihrem sonderbaren Tun nicht zu stören. Die Hausgeistbefragungen waren ein wesentlicher Bestandteil des Familienlebens, den Buschka ganz allein bestritt. Niemand hätte sie um Erklärungen bitten mögen. Alles hing vom guten Ausgang dieser nächtlichen Sitzungen ab.

Bestand ein Zusammenhang zwischen dem Wirken des Hausgeistes und dem erfolgreichen Auftreten des Vaters auf dem Marktplatz? Buschka sagte nur: »Er ist ein dienender Geist.«

Andreas Leitolf: Amalgam