Der Mann mit der KrückeEs war einmal ein alter Mann. Er sah aus wie ein Bettler und lebte allein in einem verfallenen Schloß. Sein einziger Besitz war eine schwarze Krücke. Seine Kleider waren umhangartige Lumpen, die im Wind flatterten, wenn er an einem der Schloßfenster stand und mit seiner langen Krücke hinaus in den wolkenverhangenen Himmel deutete. Das Schloß war eine Ruine mitten in der alten Welt. Der Mann schleppte sich jeden Morgen zu einem der dunkel aus der Tiefe des Schlosses gähnenden Fenster, die schon seit Jahren ihre Scheiben verloren hatten, und deutete mit seiner Krücke in eine der vier Himmelsrichtungen. Der Rhythmus seines Deutens folgte den vier Jahreszeiten. Im Frühjahr deutete er mit hocherhobener, aus dem Schloß gereckten Krücke nach Norden, wo man den Polarkreis vermuten konnte. Im Sommer warf der Alte seine schwarze Krücke aus dem Südfenster, um in Richtung Afrika eine ausfahrende Deutungsgeste zu beschreiben, die an die Bewegung von Himmelszirkeln erinnerte. Im Herbst deutete der Alte vom Westbalkon des Schlosses herab, während das Laub braungelb und rubingeädert von den Bäumen des Schloßgartens fiel. Im Winter sah man die Krücke aus dem Ostfenster zeigen, erstarrt in der Kälte, von Schneeflocken umtanzt; eisig und unverwandt nach Osten deutend, stak die Krücke des alten Mannes im Firmament. So lebte der Mann jahraus, jahrein in dem verwitterten Schloß und reckte jeden Tag zur selben Stunde seine Riesenkrücke aus einem der Fenster und ernährte sich von Almosen, die ihm von Bewohnern des Dorfes durch das Schloßtor geworfen wurden. Das Volk nannte ihn den Deuter von Kohlheim, nach dem Namen des Dorfes, aus dem täglich Menschen gepilgert kamen, um sich vor dem Schloß zu versammeln und die rätselhaften Bewegungen des Alten zu verfolgen. Im Frühjahr standen die Leute unter dem Nordfenster des Schlosses, reckten die Hälse und blickten nach oben, um die Krücke zu beobachten, die der alte Mann zur festgesetzten Stunde aus der Schloßmauer schob, ja stieß, wobei er sie hochriß, als wollte er die Blicke der Menschen auf magische Weise Richtung Nordpol lenken, wo die Mitternachtssonne herrscht. Das Volk murmelte: »Der Deuter gibt uns das Nordlicht.« Die schwere Eichenholzkrücke des Deuters war zur Sommerszeit mitten in die Sonne hinein gerichtet, die auf der Südseite des Schlosses lag. Die Sonne verlieh der Krücke einen goldenen Glanz. Im Sommer wanderten Männer und Frauen, Kinder und Greise zum Schloß und tanzten, jubelten und lagerten sich unter den schattenspendenden Kastanien vor dem Südfenster des verfallenen Gebäudes, verzehrten das Mitgebrachte, Tortillas und Pfirsiche, und tranken aus strohumwickelten Weinflaschen. Das Volk blickte in die Höhe, um kauend und schmatzend die starr in die Sonne zeigende Krücke zu begutachten und sagte: »Der Deuter spricht mit dem Weltlicht.« Im Herbst zogen nur noch die Alten hinaus vor die Westseite des Schlosses. An Krücken und Stöcken humpelnd, mehr taumelnd als gehend, schlurfend und sich Schritt für Schritt vorwärts schleppend, pilgerten die Gebrechlichen im Herbstwind über die Landstraße, die vom Dorf zum Schloß führte, wobei ihre bis zum Boden reichenden Greisenbärte von Sturmböen hochgerissen wurden. Sie versammelten sich auf dem Kopfsteinpflaster unter dem Westbalkon, von dem der Deuter auf die untergehende Abendsonne zeigte und mit der Krücke hin und her und von unten nach oben ruderte, als wollte er das Kreuzzeichen in den Sonnenuntergang schlagen. Die Greise begannen zu zappeln und mit ihren Krücken auf das Kopfsteinpflaster zu pochen, zu scharren und zu klopfen, - sie drehten sich und fingen an zu tanzen. Während der Deuter mit seiner schwarzen Krücke vom Westbalkon aufgeregt und wie um Antwort heischend die Sonne noch ein letzes Mal zu bannen versuchte und sich der Abendschatten zwischen die Kastanien des Schloßgartens warf, entstand unter den Alten ein tanzartiges Handgemenge, ein Wogen und Sichwiegen, ein Rappeln mit den Krücken und Stöcken auf dem Kopfsteinpflaster, als wollten sie sich den Takt des Greisentanzes selbst eintrommeln. Dann hoben sie ihre Krücken und schlugen sie Fechtern gleich gegeneinander. Das gab ein Klappern und Scheppern, Holz schlug da auf Holz; bald tanzten alle Alten mit erhobenen Krücken und führten kunstvoll geartete Schläge aus, ohne sich zu verletzen, fochten mit hocherhobenen Stöcken gegen Krücken und aufgerichteten Krücken gegen Stöcke, während der Deuter auf dem Westbalkon in ein wildes Fuchteln verfiel und den Anschein erweckte, als flöge die Deutungskrücke des Bettlers aus dem Schloß hoch über den tanzenden Krücken der Greise wie der Taktstock eines Dirigenten, der ein großes Orchester leitet, über den fidelen Geigenbögen der Musiker. Im Herbst sprach das Volk vom Krückentanz ihrer Alten, zu dem sie der Deuter aus dem Schloß geladen habe. Dann kam der Winter. |