VorwörtlichVon der Sinnlosigkeit der gegen einen unsichtbaren Feind geführten Kriege überzeugt, - nach dem tragischen Ende des Großen Franz und der Geierwally, nach der geheimnisvollen Flucht Tantras aus dem goldenen Gitterkäfig, der verlassen auf dem Kopfsteinpflaster des Marktplatzes stand, als ahnte er die Rückkehr seines ehemaligen Bewohners, nach Rosis Sturz vom Balkon des Friedensschlosses, nachdem Schmidtchen Schleicher an einer Fischgräte erstickt war und der Geist von Kohlheim sein Ruhelager in einem Gemüsebeet gefunden hatte - widmeten sich die Kohlheimer der Landwirtschaft und schufen eine Kartoffelschnapsindustrie. Das Bier war noch nicht erfunden und der Mythos der Brezel noch nicht im Volk verwurzelt. Die Menschen aßen Kartoffeln und Schweinswürste mit Sauerkraut und tranken Kartoffelschnaps, sie kauerten sich im Altweibersommer um die einsam qualmenden Kartoffelfeuer, draußen auf der abgeernteten Ebene der fünften Jahreszeit, und sangen traurige Lieder von der vergangenen Größe der Stadt und kommenden Herrscherfiguren, die wie Alexander die Weltprobleme mit Schwerthieben lösen werden. Der verblichene Glanz goldener Zeiten lastete auf der kollektiven Seele der Kohlheimer und gab ihr ein vages Gefühl bedeutungsvoller Wärme. Von der Zukunft erwarteten sich die Menschen wenig. Überzeugt von der Aussichtslosigkeit ihres Bemühens um kleinstädtische Macht, pflegten die Bürger ihre Wahnvorstellungen, in denen der Mythos siegreicher Blitzkriege auftauchte und das Bewußtsein Kohlheimer Größe wuchs. Rasputin ließ sich auf einer Sänfte aus weißer Flokatiwolle durch die Stadt tragen, in seinem Gefolge zahllose Kinder, denen er von der Rückkehr des freundlichen Tantra erzählte. Wie der Rattenfänger von Hammeln, nur mit gelähmten Gliedern, die ihn die Folterungen zeitlebens nicht vergessen ließen, die er durch Franz erlitten hatte, wurde Rasputin durch die Straßen getragen, und er verkündete allen Menschen: »Tantra ist die Seele unserer Stadt«. Der Prediger hielt sonntags in der Pauluskirche die Messe, wobei er mit seiner langen schwarzen Krücke über den Köpfen der andächtig sitzenden Bürgern herumfuchtelte, den Heiligen Geist zitierte, für die friedliche Seele von Tantra und sein Wohlergehen betete. Während sieben Ministranten die goldenen Fässer voller Weihrauch an langen Silberketten schwenkten und Frauen ihre Riechflaschen aus den Manteltaschen zogen, forderte Paulus mit der Krücke von der Kanzel fuchtelnd die Kirchengemeinde zum Gebet für Tantra auf. Männer und Frauen erhoben sich, falteten die Hände und riefen: »Tantra erhöre uns!« Nichts regte sich in dieser Zeit der Bittgesänge, der sehnsuchtsvollen Gebete um die Rückkehr des Wesens. Tantra blieb verschollen. Und doch spürten die Menschen ein Raunen und Schweben in der Atmosphäre, als würde sie mit einer Wiedergeburt schwanger gehen. Die Bürger vermißten seit der Flucht Tantras einen Teil ihrer selbst. Die Huren der Roxy-Bar, die mit lackierten Fingernägeln an den Gitterstäben des Käfigs schabten, in dem einst Tantra eine der ihren voller Inbrunst angesprochen hatte, sorgten dafür, daß die Behausung ihres Verehrers nicht von der ordnungswütigen Abteilung des August Finsterwalder weggeschafft wurde. Sie legten während ihrer lustvollen Arbeit eine Gedenkminute ein und erwiesen dem Gehäuse Tantras ihre Reverenz, So blieb der leere Käfig, ein Denkmal eines Tantra, der sich der Gewalttätigkeit der Kohlheimer durch seine sagenumwobene Flucht in den Finsterwald entzogen hatte. Tantra hatte bis zu seiner Flucht den aufrechten Gang nicht gelernt. Soviel wußten die Menschen und in allen Stadtteilen bildeten sich Freundeskreise, die in der Zeit des Wartens auf Tantra seine Lebensgewohnheiten, in denen sie geheime Anweisungen für eine natürlichere Daseinsgestaltung vermuteten, einstudierten. Sie ließen sich auf alle Viere fallen und machten es Tantra gleich, der in seinem goldenen Käfig stets wie ein Kleinkind krabbelnd angetroffen worden sein soll. Sie stammelten die überlieferten Urlaute des flüchtigen Meisters, übten seinen Urschrei, was Opa Kohl, der harthörig, Geräusche nur mittels eines Hörrohrs wahrnehmen konnte, aus dem Schaukelstuhl riß, weil er glaubte, die Wölfe hätten die Stadtmauer gestürmt. Die Tantrajünger verließen gebückt, wirre unverständliche Worte stammelnd in ekstatischer Meditation ihre Häuser und hielten mit den Huren der Roxy-Bar kultische Veranstaltungen ab, in deren Verlauf sie auf allen Vieren rund um den Käfig tanzten, darin herumkrochen und sich beschnupperten. Die Liebesgöttinnen wurden im Verlauf der von Rasputin auf seiner weißen Flokatisänfte geleiteten Tantrariten immer freizügiger, bis eine der Huren mit Namen Gundula den Rock über das unbekleidete Hinterteil stülpte, um sich von August, dem Feuerwehrkommandanten, begatten zu lassen. Opa Kohl, der altliberale König von Kohlheim geriet - altersschwachsinnig - unter Rasputins Einfluß und klatschte vom Dach des Gemeindehauses Beifall, während er die Worte: »Warten auf Tantra« mümmelte. August knöpfte den bestickten Latz seiner Hirschledernen auf, um etwas daraus hervorzuholen, was nur mit dem ehrfurchtsgebietenden Gemächt des Mannes aus dem Nichts verglichen werden konnte. Dieses sagenhafte Etwas schob August zwischen die prallen Hinterbacken seiner Gundula und während er dann mitten im goldenen Käfig auf dem Marktplatz alle Feuer löschte, die je in der Ebene gebrannt haben, während Gundula in der nackten Notwendigkeit und einer Welle von japsenden Tantrarufen verging und unbescholtene Bürger mit staunenden Münder sich auf gehäkelte Kissen gestützt aus den Fenstern lehnten, verfärbten sich die Sterne über der Stadt und der Mond schob sich vor die Sonne und die Sonne verweigerte dem Mond ihr Licht und die Kohlheimer Welt stürzte in tiefe Finsternis. |