Biographie 2»Klappern gehört zum Handwerk«, sagte Peter Müller und stößt mit seinem Bierglas gegen die vollgefüllten Gläser seiner Parteifreunde. Sie sitzen in der Bundesbowlingbahn, trinken und stellen die Biergläser in die Löcher zwischen ihren Sesseln. »Meinen Namen habe ich nur zufällig mit dem Torschützenkönig vom FC Bayern gemeinsam. Es gibt viele Müller in Deutschland. Das Wandern ist des Müllers Lust soll man zur Nationalhymne machen«, sagt Peter Müller und kegelt unter beifälligem Gemurmel seiner Parteifreunde einen Kranz. Unser Müller, der jüngste Abgeordnete im Bundeshaus mit seinen einunddreißig Jahren, wenn wir den nicht hätten, denken sie, die Genossen könnten sich einsargen lassen. »Das Entscheidende an der Politik«, verkündet Müller: »ist ein weißes Hemd und Hosenträger darüber, Krawatte ist nicht so wichtig. Gummihosenträger, damit man schnalzen kann, wenn man die Kugel gerollt hat, das Bowlingspielen kommt von selber.« Peter Müller, Sohn eines Volksschullehrers, studierte in München Jura, trat in die Partei ein, nachdem er aus der schlagenden Studentenverbindung ausgetreten war. Dort war er Fuchsmajor gewesen, hatte auf dem Paukenboden gestanden, einmal gekniffen, wobei ihm beim Schlagen einer Quart das rechte Ohrläppchen abhanden gekommen war. Auf den Verlust seines Ohrläppchens angesprochen, sagte er, die meisten Politiker sind invalide. Sein Gehör habe keinen Schaden erlitten. Müller widmete sich der politischen Basisarbeit, Vorbereitung von Wahlen, verteilte Handzettel, leitete Arbeitsgemeinschaften für Junggenossen, Aufklärung nach innen den alten Hasen, nach außen der Bevölkerung gegenüber, ein ständiger Zweifrontenkampf. Bald war er Unterbezirksvorsitzender, weil er sich mit einer Studie über »Die ausgelaugte Arbeitskraft und ihre Ersetzung durch die Kapitaleigner« einen Namen als Sozialpolitiker gemacht hatte. Den Durchbruch in die große Politik fand Müller mit seiner in der Südzeitung veröffentlichten Analyse der Affäre um den Parteifreund Vogelsgsang. Dieser hatte sich parteischädigend verhalten. Seine pragmatische Linie müsse durch das richtige Bewußtsein ersetzt werden. Auf der Bundesversammlung wurde Müller zum Vorsitzenden der Junggenossen gewählt. Dann kandidierte er für die Parlamentswahlen in seinem Heimatwahlkreis Würmtal und wurde als jüngster Abgeordneter in den Bundestag geschickt. Politik besteht aus Bier, Hosenträgern und den Zusammenkünften mit den Redakteuren des Würmtalboten, dachte Peter Müller. Von den Vorgängen im Entwicklungshilfeausschuß verstehe ich nichts, weil die vom Ministerium sowieso mehr wissen. Sollen sich doch die Neger gegenseitig umbringen, die Waffen liefern wir über Frankreich. Politik ist Scheiße, sagen die bayerischen Kollegen, die es wissen müssen. Ein Vorteil, daß man mit der Bundesbahn kostenlos darin herumfahren kann. Das hätte ich auch haben können, wenn ich in meiner Verbindung geblieben, Oberbahnrat und Alter Herr geworden wäre. Dann hätte ich wenigstens nicht die blöden Fragen wegen des Ohrläppchens. |