Kaisers neue KleiderDas Kulturleben nahm einen ungeahnten Aufschwung im Rahmen des Kohlheimer Sommers. Zur Zeit seiner buchmagischen Vorstellungen wimmelte es in der Ebene von Künstlern aller Schattierungen und Farben. Das In- und Ausland schickte seine namhaftesten Musiker und Dirigenten, Bildhauer, Maler und Schauspieler, um den Ruhm, in Kohlheim debütiert zu haben, zu erlangen und sich damit als Stern in den Himmel der Weltkunst zu erheben. In Kohlheim wurde ausschließlich Weltkunst geboten. Weltstars gaben sich die Klinke in die Hand, als Opa Kohl die Zeit des ewigen Friedens propagierte. Unter den Künstlern aus aller Welt, die sich in Kohlheim niederließen, befand sich auch ein junger Schwarzer aus Südafrika, der als Trommler aus Natal bekannt wurde. Sein Name war Satyagraha, was zu Deutsch Wahrheitskraft bedeutet. Er spielte auf zwei zylindrischen Urwaldtrommeln, die mit Hanfseilen zusammengebunden waren und sich nach oben und nach unten ellipsenförmig verjüngten. Auf diesen mit Ochsenfell bespannten, zebragestreiften Musikgefäßen arbeite Satyagraha Tag und Nacht. Sein Getrommel schallte laut und weit durch die Ebene, er schlug die Trommel souverän in allen Tonlagen, Höhen und Tiefen, sämtliche Rhythmen der Erde waren ihm geläufig, seine Trommelkaskaden erregten bald über die Künstlerkolonie hinaus die Bürgerschaft. Permanentes Trommeln galt bis dahin in Kohlheim als unbürgerlich. Bürgerliche Lebensweise hatte sich bis zum Ausbruch des neuen Weltfriedensgefühls auf die Ausübung von Hausmusik, Geigenspiel und Flöten beschränkt. Die Trommel wurde den Spielmannszügen überlassen, die bei Jahrmärkten und Kirchweihfesten in den Straßen herumgingen. Im deutschen Kulturkreis pflegte man die umgehängte Bauchtrommel aus Blech, die sogenannte Blechtrommel. Reihenweise marschierten früher die Trommler der Spielmannszüge neben den Querflötenpfeifern, wodurch eine Marschmusik entstand, die das deutsche Volk zu seinen militärischen Leistungen im Zwanzigsten Jahrhundert angestachelt hat. Der schwarze Künstler aus Natal hatte in seinem Leben noch keinen Spielmannszug gesehen. Seine Trommel rührte aus der Tiefe der afrikanischen Urwälder, die schon aus klimatischen Gründen keine Spielmannszüge zulassen. Der Trommler aus Natal erregte Widerspruch in der Bevölkerung, die sich durch das pausenlose Getrommel des Afrikaners in ihrem nächtlichen Schlaf gestört fühlten. Es bildete sich eine Bürgerinitiative: Schluß mit dem Trommeln, die eine Petition an Opa Kohl richtete und um Abhilfe bat, nachdem sich herumgesprochen hatte, daß Satyagraha auf eigenen Wunsch nach Kohlheim gekommen war. Opa Kohl brauchte zu dieser Zeit einen Hoftrommler, um seine Botschaft in die Welt hinaus zu senden, wofür er Satyagraha von dessen Wirkungsstätte, dem Marktplatz in Pietermaritzburg, über Nacht wegengagiert hatte. Jedoch wurde Satyagraha ohne Wissen des Friedenskaisers wegen nächtlichen Ruhestörung und groben Unfugs von der Dorfpolizei mitgenommen und dann festgenommen, weil er weder Personalpapiere noch eine Aufenthaltserlaubnis vorweisen konnte. Seine Trommeln durfte er mit ins Gefängnis nehmen, auch wurde ihm erlaubt, in der Gefängniszelle weiter zu trommeln. Die Anstaltsleitung hatte für musikalische Fälle Gefängniszellen mit schalldämpfenden Tapeten im untersten Keller zur Verfügung. In diese Zellen wurden normalerweise tobende und randalierende Gefangene zur Ausnüchterung und Beruhigung gebracht. Es handelte sich um Isolierhaft. Satyagraha trommelte nun in der Gefängniszelle für schwere Fälle, für die Umwelt schalldicht abgesichert und unhörbar, abgesehen von dem Gefängniswärter, der ihm Wasser und Brot und manchmal eine Kartoffelsuppe durch die Zellentür schob. Als dieser Polizeiakt bekannt wurde, bildete sich aus der Mitte der Künstlerkolonie und der studierenden Jugend eine Protestbewegung Freiheit für Satyagraha, welche die Freilassung des Nataltrommlers zum Ziel hatte. Seine Verhaftung wurde als Willkürmaßnahme der spätbürgerlichen Klassenpolizei verurteilt. Mehrere Rechtsanwälte beantragten beim Verfassungsgericht unter Berufung auf die Menschenrechte und das Recht der freien künstlerischen Betätigung die Entlassung des Afrikaners. Die Friedensforscher und die Humanistische Union richteten Gnadengesuche an den Kaiser, der von dem Vorfall unterrichtet worden war. Opa Kohl wies die Polizeibehörde an, den völkerrechtswidrigen Haftbefehl aufzuheben und Satyagraha auf freien Fuß zu setzen. Die Petition der Bürgerinitiative wies er ab, unter Hinweis auf die mit der Trommelbotschaft verbundenen Weltziele. Bei der Abwägung zwischen den Rechtsgütern Nachtruhe der Kohlheimer Bürger und Weltfriede der Menschheit, so formulierte Opa Kohl in seinem Bescheid, sei dem Weltfrieden der Vorzug zu geben. Beeinträchtigungen der Nachtruhe müßten hingenommen werden, falls dies durch die Aufrechterhaltung des Weltfriedens geboten sei. Es gäbe kein Bürgerrecht auf ewige Nachtruhe, aber ein Recht auf ewigen Frieden. Opa Kohls Petitionsbescheid wurde von den Bürgern mürrisch akzeptiert. Der Friedensgedanke setzte sich endgültig in Kohlheim durch und Satyagraha erhielt die Freiheit, Tag und Nacht Trommelkaskaden zu schlagen und die Friedensbotschaft Opa Kohls an die Weltöffentlichkeit zu untermalen. Johnny kaufte eine weiße Porzellantaube und brachte sie Buschka, die auf der Lichtung im Finsterwald saß und Mundharmonika spielte. Sie freute sich und vergrub das Geschenk unter dem Heu im Holzschlößchen. Die Springinsfeldkinder waren herangewachsen und gute Mundharmonikaspieler geworden und begannen ohne rechte Lust mit der Buchmagie, auf Drängen des Vaters, dessen Kunst sich von Tag zu Tag einträglicher gestaltete. Satyagraha schenkte den Kindern sieben Trommeln, Kindertrommeln, die der Afrikaner ihnen zuliebe angefertigt hatte, da sie ihn bewunderten und das Trommelschlagen von ihm lernen wollten. Die Kinder saßen im Kreis um Buschka und trommelten Tag und Nacht auf der Waldeslichtung und vergaßen Mundharmonikaspiel und Buchmagie. Die Tiere traten aus dem Unterholz und äugten und lauschten der neuen Musik, die fremdländisch und gewaltig durch den Wald rollte. Rosi Finsterwalder war in dieser Zeit vom Balkon des Teppichhauses durch einen feuerspeienden Drachen entführt und in einem hoch über dem Fluß getürmten Felsen eingeschlossen worden. Sie hörte nachts das Trommelschlagen der Springinsfeldkinder und des schwarzen Mannes aus Natal durch die kleine Felsenscharte im Drachenstein, die als Luft- und Lichtschacht für die beklagenswerte Frau diente. Rosi war schön und lieblich, hatte goldenes, langgewelltes Haar, das ihr weich über die Schultern fiel, silberblaue Augen, die wie Abendsterne funkelten und eine elfenbeinfarbene Haut. Ihre Schönheit wurde im Land gerühmt und viele Männer hatten schon versucht, Rosi aus der Gewalt des Drachentiers zu befreien. Rosi schmachtete bei Wasser und Brot im Felsen unter der Burg, wo der alte Drache hauste. Die Drachenburg bei Kohlheim ragte auf einem steilen Felsen über dem Fluß wie ein ausgestreckter Daumen eines Riesen in den Himmel. Sie war schon halb zerfallen; und sie war ein von Menschen gemiedener Ort. Der Drache flog frühmorgens durch die leeren Fensteröffnungen hinaus über das Gebirge in den Wald, um sich Futter zu suchen, spät abends kam er wieder zurückgeflogen und sprang durch ein Fenster in die Burg, wobei die Luft vor Hitze flimmerte und der Felsen durch das Feuer, das dem Drachen aus dem Maul floß, erhitzt wurde, als würde er brennen. Ausfliegen und Einfliegen des Drachens war ein so schreckliches Schauspiel, daß die Menschen nicht wagten, näher zu treten, es vielmehr vorzogen, am Kohlheimer Flußufer zu bleiben, das dem Drachenfelsen gegenüberlag, um die Burg von sicherer Warte aus zu betrachten. Mutige junge Burschen wagten sich in Schiffen auf dem Fluß rudernd bis in die Nähe des schroff in den Fluß abstürzenden Felsens und beobachteten den hoch über dem Strom fliegenden Drachen mit seinem Feuerschweif. Legte man das Ohr an den Felsen, so hörte man das leise Klagen der schönen Rosi im Inneren des Steins, aber keiner hatte den Mut, den Felsen zu besteigen und es mit dem Kampfdrachen aufzunehmen. Opa Kohl fiel in tiefe Trauer, wenn er an Rosi dachte. Sein Glück wäre vollständig gewesen, wenn er, nachdem er den Frieden durch seine unermüdliche Arbeit in den Herzen der Menschen versenkt hatte, Rosi Finsterwalder, die als Hellseherin rosaroter fliegender Untertassen im Volk beliebt war, hätte in seine Arme schließen können. Über die Entführung der lieblichen Rosi berichtet die Stadtchronik: An einem heißen Mittag stellte sich die blonde Frau an ein Fenster, um frische Luft zu schöpfen. Da kam ein ungeheurer Drache dahergeflogen, der das Teppichhaus in Flammen zu versetzen schien, und führte die schöne Rosi mit sich in die Luft hoch über das Gebirge hinweg, auf dem man seinen Schatten noch lange sehen konnte. Er brachte die Rosi auf den Drachenstein und legte ihr sein Haupt in den Schoß und schlief ein. Er war über alle Maßen groß und stark und erschütterte den Drachenstein beim Atemholen. Die schöne Frau litt Herzensangst und führte Wehklagen und mußte doch bei dem scheußlichen Wurm wohnen. Der Kaiser sandte Boten aus in alle Lande, die seine Hellseherin suchen sollten. Endlich erlangten sie Kundschaft, daß Rosi auf dem Drachenstein verwahrt gehalten würde und auch, daß sie nur ein schwarzer Ritter unter unerhörten Abenteuern und Gefahren erlösen könnte. Die Bürger staunten, als sich der Nataltrommler aus freien Stücken erbot, zusammen mit den Springinsfeldkindern die schöne Rosi zu befreien. Sie wollten die Hellseherin aus dem Drachenfelsen heraustrommeln und machten sich auf den Weg zur Burg. Mit dem Schiff fuhren sie über den Fluß zum anderen Ufer. Trommelnd zogen dann der schwarze Ritter und die Kinder über den Bergrücken in die Höhen hinauf zum Drachenstein. Das Volk gestikulierte am Ufer und verfolgte den Befreiungsmarsch der trommelnden Helden. Voran stieg Satyagraha mit langen elastischen Schritten, ein breites Lächeln überzog sein pechschwarzes Gesicht, das in der untergehenden Sonne glänzte, rosig strahlten seine Lippen, seine dunklen Pupillen rollten im elfenbeinernen Weiß seiner Augen. Der Trommler schien zuversichtlich, die Bürger konnten Zeichen von Angst in seinem Mienenspiel nicht entdecken. »Ein Schwarzer rettet unsere Rosi«, murmelte eine alte Frau am anderen Ufer des Flusses. »Mit den Kohlheimern ist nichts mehr los«, klagte eine junge Kohlheimer Verkäuferin von weißen Porzellantauben. »Der schwarze Siegfried«, sagte ein Jungkohlheimer verwundert, während die Kinder trommelnd hinter dem Afrikaner herstolperten und Mühe hatten, den schmalen Fußpfad, der zur Drachenburg hinaufführte, nicht zu verfehlen. Man sah die acht trommelnden Helden jetzt im Gegenlicht der Abendsonne über der Gebirgssilhouette wandern. Kohlheim versank im Dämmerlicht. Das Land hallte von Trommelschlägen wieder, die synkopenartig wie Wasserkaskaden fielen, wie Sturzbäche über Felsen rollten und das Gefühl unendlicher Freiheit vermittelten. Jeder Trommelschlag sandte Worte der Freiheit für Rosi in die vier Himmelsrichtungen aus, der Wald, das Gebirge dröhnten und gaben das Echo der Trommeln tausendfach wieder, die Welt war eine afrikanische Trommel. Unaufhaltsam ging der Marsch des Nataltrommlers bergauf, hinter ihm folgten die Kinder, wie Orgelpfeifen liefen und tönten sie hinter dem Mann aus Südafrika, der an seine Brüder in der afrikanischen Heimat dachte und an Rosi, die Last des schwarzen Mannes. Das Wort des Freiheitshelden Tschumba über Südafrika als Brennpunkt des westlichen Untergangs wurde von den Bürgern angesichts des heldenhaften Aufstiegs des Nataltrommlers zu Drachenburg hervorgeholt, poliert und herumgereicht. Besaß nicht der Stern von Afrika etwas bezwingend Musikalisches? War nicht die ganze Trommelei eine Huldigung an Rosi, weiße Hellseherin von Kohlheim? War nicht der feuerspeiende Drache bereits bedroht? Viele Ungläubige dachten in dieser Situation an den gehörnten Siegfried. War der Kampf mit dem Drachen ohne Schwert zu bestehen? In den Denkgeleisen der Bürger war der mutige Südafrikaner ein mausetoter Mann, noch bevor er an die Drachenburg gelangt war. Lag nicht der Rettungsversuch auf des Messers Schneide? Satyagraha war bis vor die Tore der verfallenen Drachenburg gedrungen. Die letzten Sonnenstrahlen fielen über den Fluß, als der Drache über das Gebirge geflogen kam und in die Burg sprang. Da begannen die Kinder vor dem Burgtor ein mörderisches Getrommel, während Satyagraha den Rhythmus schlug. Es schien, als hätten sich sämtliche Trommler Afrikas vor der Drachenburg versammelt, so gewaltig war das musikalische Schauspiel, so mächtig das dumpfe, drohende und wieder helle, fordernde Schlagen der acht Künstler. Zu Tode erschrocken sprang der Drache auf den Fenstersims der Burg, die sich über den steil in den Fluß abfallenden Felsen erhob. Er fauchte im gähnend schwarzen Rahmen der Fensteröffnung, spuckte Feuer, unfähig, das Trommeln noch länger zu ertragen, flog mit einem Satz in die Lüfte und stürzte ab in den Fluß, als ob er auf ewig die Orientierung verloren hätte. Jämmerlich versank er in den Fluten, was bei den Leuten auf der anderen Seite des Ufers Erstaunen auslöste. Ihr Jubelgeschrei drang bis in die Gemächer Opa Kohls. Nachdem der Drache in den Fluten untergegangen war, faßten sich die Kohlheimer an den Armen und führten Freudentänze aus. Damit fand die Drachenplage ein Ende. Satyagraha betrat mit den Kindern glücklich die Drachenburg, fand die schwere Eichenholzbohle, die auf dem dunklen Kellerverließ lag, in dem die schöne Rosi schmachtend die erlösenden Trommeln vernommen hatte und auf ihre Befreiung wartete. Die Rettungsaktion konnte man vom anderen Ufer nicht mehr sehen, da sie sich im Inneren der Drachenburg abspielte. Die Kinder erzählten später, die befreite Rosi sei dem schwarzen Trommler vor Erschöpfung, aus Dankbarkeit und aus einem Gefühl aufkeimender Liebe spontan um den Hals gefallen und habe ihn geküßt. Der schwarze Ritter habe seine Trommel dem ältesten Springinsfeld umgehängt und Rosi auf den Arm genommen und im Triumphzug über das Drachengebirge hinunter getragen und Opa Kohl vor die Füße gelegt, als dieser seinen Palast verließ, um die Freude zu erkunden, die der Rettung Rosis folgte. Die Freude in Kohlheim war groß. Satyagraha wurde vom Friedenskaiser persönlich zum Ritter geschlagen. Die Universität verlieh ihm wegen seines Beitrags zur Völkerverständigung und Rassenintegration die Ehrendoktorwürde. Doktor Satyagraha, Ritter von Kohlheim, bekam offizielle Logis im Schloß des Friedenskaisers und die Hochzeit zwischen Rosi und dem schwarzen Trommler ließ nicht lange auf sich warten. Die Vorbereitungen waren aufwendig. Mister Flokati mußte zur Scheidung bewogen werden. Als Ersatz für Rosi erhielt er von Opa Kohl eine wertvolle, weiße Mozartbüste aus Gips. Als Ort der Hochzeit wurde der Hofgarten bestimmt, zu dem das Volk Zugang haben sollte, um den bürgerlichen Charakter des Festes zu betonen. Im Rahmen einer Sommernachtsfeier war die Trauung der Brautleute vorgesehen. Johnny wurde eingeladen, erstmals zu Pferd seine Buchkunst zu zeigen. Sein Auftritt war nach der Eheschließung zwischen Rosi und Satyagraha angesetzt und im Hochzeitsprogramm unter dem Titel Der reitende Buchmagier aller Welt bekanntgemacht worden. Es war Johnnys erster Auftritt im kaiserlichen Auftrag als Hofmagier seine Buchkunst zu zeigen, zu Pferd, ein schwieriges Unterfangen, da er seine Reiterproben in der Waldlichtung vor Buschkas Haus noch nicht abgeschlossen hatte. |