SchnipselEin Planwagenfahrer, dem es an der Tatkraft, Zucht und Moral Opa Kohls mangelte, ein Mann dessen Namen unbekannt war, richtete eine Bar in Kohlheim ein, und er trat an die immer noch frische Rosi Finsterwalder heran, um sie zu bitten, nachts den Strip bei Kerzenschein zu tanzen. Rosi war Feuer und Flame und erhielt die Zustimmung von Mister Flokati, der stets nur Geschäftsdinge im Kopf hatte. Ihr Strippen in der Obenohnebar paßte sehr gut in seine geldmagische Vorstellungswelt, da der Barbesitzer eine Gage von DM 2.000,- pro Nacht geboten hatte. Und die Waldvenus strippte nachts wie eine an den Boden gefesselte türkische Bauchtänzerin und schaukelte mit dem drallen Hintern und warf ihre Zuckermelonenbrüste, die sie nackt herausschob über die Kerzen und über den Fackelschein in der Bar, und es entstand das berühmte Kulturleben der Stadt. Thomas Finsterwalder, der erste Sohn von Mister Flokati und Rosi segelte mit siebzehn Jahren vom Gipfel des Watzhorns auf einem weißen Flokati sitzend herunter. Nach einer atemberaubenden Reise durch die unzugänglichen Bergschluchten des Steinernen Meeres landete er sicher und elegant auf dem Marktplatz. In den Händen hielt er eine Bibel und war in die Verse Salomons versunken. Hätte man ihn gehört, wäre sein Gemurmel, sein Beten zu enträtseln gewesen. Aber Thomas schwebte einsam, in betender Gleichgültigkeit durch die eiskalten Tiefen des Watzhorngebirges und unerschrocken - am Rande menschlicher Empfindung - schlug er bei seiner Landung auf dem Marktplatz die Bibel zu und sagte: »Es gibt nichts Neues unter der Sonne.« Der Biermannkommunismus brach über die Kleinstadt herein, die den verzweifelten Versuch unternommen hatte, die Weltherrschaft zu erlangen. Zur Erfindung des Biers gesellte sich die Brezel. Der Mythos der Brezel, wonach derjenige, der gefangen und verurteilt ist, sich durch das Backen eines Gebäcks die Freiheit erkaufen kann, wenn durch das Gebäck die Sonne dreimal schien, erwachte. Die Weltherrschaft war aber nur eine Bierherrschaft. Im Zeichen des Löwen, des Herrentiers, versank das Volk unter dem Fluch des blinden Sängers Biermanns im Suff. Freibierkommunismus. Die Kohlheimer wurden zum glücklichen Typ eines Menschen, der die Gnade im Verkauf und den Verkauf der Gnade gesucht hatte, der von Johnny hinaus vor die Tore gelockt sich den Arsch verbrannt hatte und jetzt im Bier- und Brezelgenuß die erlösenden Substanz gefunden hatte, die es hochzuhalten galt, wie Hostien gegen den Himmel, denn durch die Kohlheimer Brezeln schien die Sonne dreimal. August Finsterwalder, zweiter Sohn von Mister Flokati und Rosi, war herangewachsen. Er interessierte sich für Feuer, das Hüten und das Löschen des Feuers. Das Feuer wurde für August ausschlaggebend und nachdem er das erste Feuer aus weißen Steinen hervorschlug und nicht mehr vom Feuersteinschlagen ablassen konnte, machte man ihn zum Feuerwehrkommandanten. Er war jahrelang Spritzenmann gewesen und verstand es, selbstgelegte Feuer auch wieder selber zu löschen. Während Mister Flokati nachts in Mozartbriefen las, um sich über den Sinn seines Unternehmens klar zu werden, das auf dem Verkauf fliegender Teppiche aus Flokatiwolle gegründet war, paroullierten in den Straßen Kohlheims, über die Ausgangssperre verhängt war, die Männer des Gangsterchefs, um Anarchisten zu jagen, die als Gefahr für Sicherheit und Ordnung angesehen wurden, Spitzen der Gesellschaft zur Zielscheibe ihres Spotts machten, der sich explosionsartig in Molotowcoctails entlud. Ein Mann namens Kohlsalzl richtete tief im Bayerischen Wald in der Nähe von Grafenau ein Wolfsreservat ein und versah dieses mit einer Sternwarte, um die Zukunft der Wölfe in Europa aus den Sternen, die er nachts zu befragen pflegte, herauszudeuten. Kohlsalzl war katholischen Ursprungs, seines Zeichens Astrolog und Astronom, ein Mann von außergewöhnlichen Fähigkeiten auf dem Gebiet des intelektuellen Fußballspiels, daß damals Tischfußball genannt in Bayern grassierte, tagsüber spielte er Tischfußball, nachts befragte er die Sterne. Die eigentliche Suche Kohlsalzls in den Sternbildern seiner Zeit galt seiner Frau Herzeloyde, die an einem kalten Wintertag auf der vereisten Landstraße durch den bayerischen Wald an einen Baum fuhr, nachdem sich der schwarze, mit einer Servolenkung ausgestattete Mercedes, den er im Rahmen seiner Wolfsforschungen steuerte, mehrmals um sich selbst gedreht hatte. Herzeloyde war seinerzeit am Baum, es war eine mächtige deutsche Eiche, miten im eiskalten Winter kleben geblieben, und abgesehen von einigen Blutspurnen, die Kohlsalzl auf feine, durchsichtige Glasscheibchen übertrug, um sie später unter dem Mikroskop zu betrachten, gab es keine Reliquien von ihr. Kohlsalzl suchte nachts am Himmel in den silbernen Sternbildern nach seiner ersten Frau Herzeloyde herum. Eines Tages begegnete ihm auf dem Marsch zur Sternwarte auf dem Berg namens Ochsenkopf im Bayerische Wald eine Frau, angetan mit einem durchsichtigem Seidenhemdchen, das sie aufhielt wie das Sterntalermädchen, um Sterne einzufangen, die in dieser Zeit im Bayerischen Wald haufenweise vom Himmel fielen. Sie trug zufälligerweise auch den Namen Herzeloyde, war aber nicht Kohlsalzls verunglückte Ehefrau, die plötzlich, infolge des langen Suchens ihres Verderbers am Himmelszelt, herabgestiegen wäre, sondern die Frau des Kondenskernschützen Bomberg, die verwitwete Frau dieses Meisters des Wasserlassens aus Wolken, der selbst in der Regenzeit aus dem Himmel gefallen war, da er seine Luftmaschine zu hoch gerissen hatte und gegen den Mond geflogen war. Als ob die Zeiten der neuen Gottheiten angebrochen wäre und sich die Götter anschickten, die Treppen des Welthimmels herabzusteigen, stieg Rosi mit einem Satz auf die Brüstung des Balkons, raffte ihr langes schwarzes Kleid zusammen, hob die Flasche mit dem tobenden Weltgeist vor die Brust, senkte ihre silberblauen Augen in die Seele des Volkes und sprang in die Tiefe. |