Ballspiele

Die Pferdeliebe der Bevölkerung nahm durch das Auftreten der Wilden Reiter GmbH einen unerwarteten Aufschwung. Kohlheim war vom Wiehern mehr oder weniger wilder Pferde erfüllt und man konnte sich ohne Pferd kaum noch wirkungsvoll in Szene setzen. Die Pferdeidee beherrschte Kohlheim und die von der Wilden Reiter GmbH ausgehenden Impulse trugen ihre ersten Früchte.

Wer häufig vom Pferd fällt, weil er kein Sitzfleisch hat, soll den Beruf des reitenden Buchmagiers nicht ergreifen. Nichts lag Johnny näher als der Versuch, seine Buchnummer vom Rücken eines Pferdes aus zu zeigen. Das Gleichgewicht, dachte Johnny, scheint ein Zustand zu sein, nach dem alle Welt trachtet und zu dem man nur nach ausdauernder Übung gelangen kann. Hat nicht jeder schon einmal das Gleichgewicht verloren? Jedes Leben ist bemüht um die Wahrung des Gleichgewichts, auch wenn die Menschen es sich nicht anmerken lassen. Sie wären glücklicher, wenn sie an dem Ort ihres Wirkungskreises ihr persönliches Gleichgewicht anstreben würden, das, weil alles mit ihm verbunden ist und alles an allem Schuld hat, zum Weltgleichgewicht führen müßte, womit zwangsläufig der Frieden garantiert wäre.

Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, aber nicht für alle, dachte Johnny. Zum Beruf des reitenden Buchmagiers gehört auch eine gewisse Fähigkeit zur Freihändigkeit, zur Improvisation. Der Buchmagier zu Pferd hält das Tier mit leichtem Schenkeldruck, Gehorsam erzeugend, unter sich, während er sein großes Buch mit beiden Armen hoch in den Himmel reckt, er schwebt zwischen Himmel und Erde auf dem Rücken der Pferde, die einer strengen Auswahl bedürfen, nicht jedes Pferd eignet sich zur Vorführung der Buchkunst. Das Pferd muß feurig und schwarz sein und wiehern können. Es darf nicht zu wild sein, da es während der Vorführung still zu stehen hat und nicht ausbrechen soll, auf sanften Schenkeldruck seines Reiters reagieren muß und nie den Eindruck eines Schlachtrosses erwecken darf. Das Pferd ist ein Freund des Menschen, aber nicht sein Kampfdrache. Das muß bei der reitenden Buchmagie zum Ausdruck kommen. Soll die Darstellung gelingen, so muß das Vertrauen zwischen dem Buchmagier und seinem Pferd absolut sein.

Er überwand die ersten Anfangsschwierigkeiten und fand das Gleichgewicht im Sattel, ohne Zügel nahm er seinen Fazzo mit festem Schenkelschluß unter den Körper und gewöhnte ihn an seine Armbewegungen, mit denen er das schwarze Buch in der Öffentlichkeit zur Geltung brachte. Fazzo erschrak anfangs noch bei dem ruckartigen Auf- und Zuklappen des Buches, da dies mit einem lauten Knall verbunden war. Irritiert war er vom Rascheln der weißen Blätter im Wind, das dem Rauschen wehender Palmenblätter am Pazifik ähnelte. Fazzo hatte Geräusche, wie sie durch das Aneinanderreiben der Buchblätter erzeugt wurden, noch nie gehört. Aber Fazzo war ein gutwilliges Tier, von hohem Pferdeverstand, er ahnte die Bedeutung der Sache, um die es bei der Buchkunst ging, er empfand auch grenzenlose Sympathie mit seinem Reiter Hasenfuß und es gelang beiden, Johnny, im Sattel zu bleiben und Fazzo, unter dem Sattel still zu halten.

Die Hochzeit entsprach dem sozialen Empfinden des Friedenskaisers. Das Volk sollte nicht ausgeschlossen bleiben. Deshalb geschah die Trauung vor Beginn des rauschenden Sommernachtsfestes im Hofgarten, in dessen Verlauf Johnny auf der vor dem Schloß errichteten Holzbühne hoch zu Pferd seinen Buchzauber vorführen sollte. Diese Aufgabe erfüllte Johnny mit Stolz, belastete ihn aber auch mit Skrupel. Noch immer probte er auf seinem Pferd Fazzo das Auf- und Zuklappen seines riesigen schwarzen Zauberbuchs unter den Tieren der Waldlichtung vor Buschkas Schloß. Wiederholt war er aus dem Sattel gestürzt, da er nach dem Aufschlagen des Buches das Gleichgewicht verloren hatte durch den unvermittelten Ruck, der mit dem heftigen Zurückreißen der Buchdeckel, die er mit ausgestreckten Armen umfaßte, verbunden war. Das Schwierigste der Pferdenummer war, wie gesagt, das Halten des Gleichgewichts.

Der große Tag der Volkshochzeit war gekommen. Johnny klemmte sein Buch unter den Arm, sprang in den Sattel und ritt mit Fazzo in das Dorf. Es war bereits dunkel. Musik tönte aus dem Hofgarten, das Fest war in vollem Gange, die Menschen strömten zum Schloß. Das Volk drängte sich im Hofgarten, einem rechteckigen Rasenplatz, der von mächtigen Kastanien gesäumt war. Das Schloß an der Stirnseite des Hofgartens strahlte im Glanz der Scheinwerfer, die Fassade war gelb und im Renaissancestil erbaut, über dem Tor thronte in einer blau ausgemalten Mauernische die Statue der Regina Pacis, das Jesuskind auf dem Schoß haltend. Hasenfuß gelangte zum Hofgarten und bahnte sich reitend mit dem großen Buch unter dem rechten Arm, die Zügel lässig wie ein Cowboy aus Arizona im Griff der linken Hand, die er auf den mächtigen Sattelknauf stützte, einen Weg durch die Menge.

Die Trauung Rosis und Satyagraha wurde durch den Pfarrer besiegelt und das Volk starrte gebannt in Richtung Schloß, vor dessen Mauer man ein meterhohes Holzpodium errichtet hatte, auf dem sich die Ehezeremonie abspielte. Mit weitausholenden Gebärden schlug der Pfarrer das Kreuz, wobei er zuerst mit dem rechten Arm nach oben über die Köpfe des jungvermählten Brautpaars zeigte, dann senkrecht nach unten schlug, um noch mit derselben Armbewegung eine Kurve nach links auszuführen, die in einem horizontalen Wegschlagen des Arms nach rechts endete. Dann erschallten die Fanfaren der Schloßtrompeter und die Posaunisten stimmten ein getragenes Lied an, um den Abschluß der Hochzeit anzuzeigen. Das Brautpaar stieg in die vor dem Schloßtor wartende goldene Kutsche, vor die sechzehn schwarze Pferde gespannt waren. Die Kutscher trugen Zylinder und knallten mit den Peitschen, deren Schnüre noch die vordersten Pferde erreichten, auf das Gespann ein, das sich in Bewegung setzte und staubaufwirbelnd durch das Schloßtor jagte.

Die Hochzeit entsprach dem Weltüblichen. Es war ein Fest auf internationalem Parkett in Kohlheim, das ausländische Staatsmänner in die Ebene führte und von der Weltfriedensidee des Kaisers getragen wurde. Durch die Hochzeit zwischen der elfenbeinweißen Rosi und dem pechschwarzen Nataltrommler wurde die Welt friedlicher, sie rückte näher zusammen. Es war eine schöne Hochzeit, über die man getrost eine Träne vergießen konnte. Im Lauf der folgenden Jahre wurde Rosis Ehe mit ihrem schwarzen Ritter von Nachwuchs gekrönt. Sieben kaffeebraune Mulattenkinder entsprangen ihrer Verbindung, tummelten sich im Schloßpark und wuchsen in Kohlheim zur Freude Opa Kohls auf.

Als die Hüter des Schlosses das Tor hinter der davoneilenden Kutsche zugeworfen hatten und das Volk, von einer prähistorischen Wehmut ergriffen, wie gebannt einem Vorgang nachstarrte, der schon Revue passiert war, sprengte Hasenfuß über den Hofgarten. Die Menschen drehten erst die Augen, wandten dann die Hälse um und fuhren mit den Köpfen ruckartig nach hinten. Ein neues Ereignis bahnte sich an. Es schien, als ob Hasenfuß vom Volk erwartet worden war, eine Gasse für sein Pferd öffnete sich wie von selbst, die Menschen wichen vor dem Reitersmann im violetten Anzug zurück, der ein gewaltiges Buch unter dem rechten Arm mit sich führte und mit wehenden blonden Locken, die ihm über die Schultern fielen, Siegfried ähnelte. Viele, die ihn nicht wiedererkannten, weil er zu Pferd kam, dachten: Es ist Siegfried mit dem Buch, ohne sich zu erinnern, daß Siegfried nur ein Schwert hatte und kein Buch. Hasenfuß ritt durch das wogende und staunende Volk, Fazzo setzte zu einem mächtigen Sprung über die blumengeschmückte Balustrade der Holzbühne an, kam auf dieser zu stehen und zeigte schnaubend und wiehernd den Beginn einer neuen Vorstellung an.

Jäh bäumte sich Fazzo mit den Vorderbeinen auf, als er die Menschenmenge sah, die sich unter der Bühne versammelt hatte. Die Menge verstummte. Einsam wie das Reitermonument Marc Aurels auf dem römischen Kapitol, starr und mit extremer Gebärde, wie aus einem Guß, stand Hasenfuß in den Steigbügeln seines schwarzen Fazzos, der selbst, nachdem er sich an den Anblick des nach dem Glauben süchtigen Volkes gewöhnt hatte, auf dem Holzpodium angewurzelt schien. Über dem Hofgarten, der eben noch mit Stimmgewirr, Vivatrufen und Gelächter erfüllt gewesen war, wie es bei Königshochzeiten üblich ist, schwebte das in die Tiefe der Volksseele reichende Unbegreifliche. Je stiller das Volk wurde, desto erfüllter war die Atmosphäre über Kohlheim von dem Geheimnis, das sich in dem gigantischen Buch des reitenden Magiers offenbaren wollte. Schon hielt er das Buch weit aufgeklappt über seinem Kopf dem Volk entgegen. Das Volk richtete die Augen auf das Weiß der Blätter, das im Flutlicht der aus den Kastanien scheinenden Scheinwerfer den Hofgarten erhellte, der im Dunkel der Nacht versank. Wie ein Brennpunkt des Jenseitigen erschien die Bühne, von der aus sich das Licht tausendfach durch die weißen Blätter brach und die Welt spiegelte. Über Hasenfuß war das Pfingstfeuer ausgebrochen, es leuchtete aus dem Buch heraus, mit einer Kraft, die Die wartenden Seelen der Bürger erfüllte und erleuchtete. Hasenfuß hielt dem Volk das Buch entgegen und rief mit lauter Stimme: »Blast!« Die Menschen huben an, aus Leibeskräften zu blasen, sie bliesen sich die Lungen aus dem Leib; war es nicht so, daß sich die Seele des Volkes auf ewig in die unbeschriebenen Blätter des Buchs einzeichnen wollte? Hasenfuß rief nochmals: »Lest!« Ein einziger Aufschrei durchschnitt die Stille des Hofgartens: »Es ist Schrift!« und man sah auf den vormals leeren, unbeschriebenen, weißen Blätter des großen Buchs, das Hasenfuß dem Volk wie ein Spiegel vor das Anlitz hielt, Buchstaben. »Es ist wirklich Schrift!«, riefen die Menschen mit jubelndem Geschrei, Freude machte sich in der Menge breit und die Ruhe war unterbrochen.

»Es ist eine Predigt«, schallte es aus der Mitte des Volks. »Wir wollen die Predigt hören«, riefen jetzt viele, die dicht vor der Bühne standen und die Schriftzeichen zu entziffern suchten. »Lies uns die Predigt!«, forderte die Menge und blickte gespannt auf den einsamen Reiter über der Bühne, der das Buch umgewandt hatte, um sich selbst von dem merkwürdigen Vorgang zu überzeugen.

Das Erstaunen des Hasenfuß war grenzenlos. Es hatte sich Schrift durch das mächtige Blasen des Volks auf den weißen Seiten des Zauberbuchs niedergeschlagen. Große schwarze Buchstaben leuchteten im Glanz der Scheinwerfer auf weißem Grund. Wie mit Tusche gezeichnet standen Buchstaben da, stark, bedeutend und sinngebend. Hasenfuß hob das Buch zu seinen Augen, er saß noch immer auf dem Pferd, und predigte.

»Volk!«, begann Hasenfuß mit einer laut über den Hofgarten schallenden Stimme, die an diejenige des Abraham a Sancta Clara erinnerte.

»Kohlheimer, alle die in dieser Zeit leben. Mein Mund soll eure Weisheit reden und was mein Herz sagt, soll verständig sein. Ich will einem Spruch mein Ohr neigen und mein Rätselwort kundtun. Warum soll ich Angst haben in schlechten Zeiten, wenn mich nur Feinde umgeben, die sich nur auf Hab und Gut verlassen und auf ihren Reichtum pochen. Der Reiche wird sehen, daß selbst die Weisen sterben, so wie Toren und Narren umkommen; fliegende Särge werden ihr Heim sein. Doch keiner wird beim Sterben etwas mitnehmen, und alle Freude wird zurückbleiben. So bleibt denn nur die Freude an diesem guten Leben«, donnerte Hasenfuß mit einer Stimme, die an ein herannahendes Gewitter mit Blitz und Donner gemahnte.

»Whisky ist das Beste!«, rief Hasenfuß unter dem aufbrausenden Beifall des Volkes. Mit diesen Worten predigte Hasenfuß aus dem weit aufgeschlagenen Buch gemäß den Buchstaben, die das Volk kurz zuvor mit Gottes Hilfe in das Buch geblasen hatte. Die Worte waren verklungen, das Volk harrte noch schweigend im Hofgarten, als eine heftige Sturmböe die Kronen der Kastanien schüttelte. Ein Gewitter kündigte sich an. Die Menschen blickten in den sternenübersäten Himmel, durch dessen schwarzblaue Unendlichkeit die ersten Gewitterwolken jagten. Ein knallend explodierender Blitz, der den Tag aus der Tiefe der Nacht hervorkehrte, erschütterte die Gemüter der Menschen. Leuchtend stand die Zickzacklinie und Ladungen sprühten in der Dunkelheit. Das Schloß sah man in Weißglut, die Umrisse des Buchmagiers erschienen gespenstisch in violettem Weiß, denkmalgleich stand er noch lesend, als sich sein Pferd aufbäumte und Johnny mit einem tollkühnen Satz samt Buch, das er wieder unter dem Arm hatte, über die Balustrade sprang, die Menge auseinanderpeitschte, eine Gasse bahnte und wie der Schimmelreiter durch die Luft in den schwarzdunklen Nachthimmel flog. Fazzo hatte sich in ein geflügeltes Dichterpferd verwandelt.

Es regnete. Dem ersten Blitz folgte ein gewaltiger Donner. Das Volk strömte aus dem Hofgarten unter die Kastanien, um Schutz vor den wie Taubeneier fallenden Wassertropfen zu finden. Das Gewitter war katastrophal und setzte dem Sommernachtsfest ein schnelles Ende. Noch rätselten manche über die Predigt des Hasenfuß, die später als Whiskypredigt bekannt wurde. Aber die meisten wollten nur das schützende Haus erreichen und schlafen, um sich von dem Einbruch des Unnatürlichen auszuruhen. Illustrierte nicht der plötzliche Wolkenbruch die Predigt des Hasenfuß? Gingen nicht die Worte des Buchmagiers dem Sturm über Kohlheim voraus? Die Meteorologen zumindest sprachen noch lange von einem außergewöhnlichen Gewitter, einem Whiskygewitter, wie es alle Jahrhunderte nur einmal vorkam.

So endete das Schauspiel des reitenden Buchmagiers. Er gelangte durchnäßt und jämmerlich in den Wald auf die Lichtung vor Buschkas Schloß, sprang aus dem Sattel und trug das Buch in das Haus. Wie durch ein Wunder war das Buch nicht naß geworden. Hasenfuß öffnete das Buch auf dem Holztisch, an dem Buschka saß und ihn fragend musterte, und sah, daß alle Buchstaben verschwunden waren. Die Blätter waren weiß und leer und unbeschrieben. Hasenfuß hatte die Methode des Aristoteles, mit der man unsichtbare Buchstaben lesen konnte, vergessen. Er erzählte Buschka von seiner Vorstellung im Hofgarten und dem schrecklichen Gewitter, das für den Abschluß seiner Predigt wie gerufen kam und die Menge auseinandergejagt hatte. Buschka wiegte bedächtig den Kopf und sagte: »Das war der Kohlheimer Whiskyrausch.«

Andreas Leitolf: Amalgam