Die Vermarktung des NichtsEs kam dann die Zeit, in der schon alles, was es gab und je einmal gegeben hat, verkauft war, und es deshalb nichts Verkäufliches mehr gab. Nur noch absolut Unverkäufliches gab es in dieser Zeit, in der schon alles verkauft war. Man ging dazu über, die absolut unverkäuflichen Sachen zu verkaufen, da die Menschen sich nunmehr darauf spezialisierten, nur noch absolut unverkäufliche Sachen zu kaufen, um ihre Kauf- und Konsumgewohnheiten zu befriedigen. Es leuchtet ein, daß der Kauf einer absolut unverkäuflichen Sache sehr kostspielig ist, handelt es sich dabei doch um Sachen, die es normalerweise im Kaufgeschehen nicht gibt. Beim Kauf einer absolut unverkäuflichen Sache handelt es sich um den Kauf einer Sache, die es eigentlich gar nicht, zumindest nicht im Kaufgeschehen, gibt, also um den Kauf ganz und gar inexistenter Sachen. Eine solche, gar nicht existente Sache zu kaufen, ist immer sehr kostspielig. Je unverkäuflicher und inexistenter nämlich die Sache ist, umso kostspieliger ist sie auch. Anfangs konnten sich nur diejenigen Bevölkerungsschichten absolut unverkäufliche Sachen leisten, die sich einer besonders hohen Kaufkraft erfreuten. Hierbei handelte es sich naturgemäß um die besitzenden Kreise. Diese hatten großes Interesse, ihren Besitz mit raum- und platzsparenden Sachen zu vermehren, ja anzureichern, wofür der Ankauf gar nicht vorhandener Sachen zweifellos am zweckmäßigsten erschien. Es handelte sich dabei um kostspielige Prestigeobjekte, zu Repräsentationszwecken wie berufen. Zum anderen wirkte die angeschaffte, nicht vorhandene, absolut unverkäufliche Sache weder protzig noch überladen, - ja, aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades sogar intellektuell. Durch die Versilberung von altherkömmlichem Besitz und den Ankauf unverkäuflicher Sachen konnten die wohlhabenden Kreise nunmehr Besitz- und Bildungsstatus zwanglos regulieren, überschüssigen Besitz in abstrakte Intellektualität verwandeln und sich so aus der wirtschaftlichen Niederung des plumpen Habens in die kühle Höhe des Besitzes des Nichts erheben. Die Nichtbesitzer galten bald mehr als die alteuropäischen Besitzer, die ihre alteuropäische Menschenwürde an das plumpe Haben klammerten. Die Klasse, die die neuen Kaufgewohnheiten voll übernahm, entwickelte sich zur neuen Führungsschicht im Volk; so tonangebend wurden die Seh- und Kaufgewohnheiten der Nichtbesitzer, daß man bald von der glücklichen Ära der fröhlichen Habenichtse zu sprechen begann. Es wurde allgemein Mode, nichts zu besitzen. Unter dem allgemeinen Zwang zur Anpassung an den Modetrend, gingen die armen Schichten dazu über, ihr Habe wegzuwerfen und es den Reichen gleich zu tun und nichts zu besitzen. Da sie das Nichts nicht kaufen konnten, weil es zu teuer war, spiegelten sie vor, besäßen bereits das Nichts. Sie kauften es erst später, als das Nichts zu volkstümlichen Preisen massenhaft auf den Markt geworfen wurde. Auf diese Weise kam der Absatz wieder in Bewegung, es entstand eine ungeheuere Produktion des Nichts. Die Nichtsfabriken schossen nur so aus dem Boden. Es gab den säkularen Nichtsboom, der in der Wirtschaftsgeschichte des Landes als der größte Verkaufsboom aller Zeiten notiert werden würde. Dieser absolute Nichtsverkaufsboom der Spitzenabsatzära übertraf sogar noch den letzten Absatzboom bei eßbaren Taschenrechnern und kunststoffbeschichteten Bratpfannen zu der Zeit, als es noch verkäufliche Sachen gab. Der Verkauf kunststoffbeschichteter Bratpfannen und eßbarer Taschenrechner war nämlich neben dem Verkauf lautloser Selbstgleitstaubsauger das absolute Wachstumsgeschäft der Spätsachenverkaufsära gewesen. Diejenigen, die ihr Geld in Sachwerte hatten fließen und flüchten lassen, sahen sich nunmehr im ausbrechenden säkularen Nichtsboom um den Geldanlagewert gründlich betrogen. Denn sie saßen auf ihren massenweise gehorteten, vom Keller bis zum Dachboden gestapelten kunststoffbeschichteten Bratpfannen, deren Wert rapide sank. Die eigentliche Wertverlagerung erfolgte nämlich nunmehr ins Nichts. Die Flucht in die Nichtswerte war unversehens zur sichersten Anlagemöglichkeit geworden. Diejenigen, die sich abwartend verhalten hatten, keine kunststoffbeschichteten Bratpfannen, eßbare Taschenrechner und lautlose Selbstgleitstabsauger gekauft hatten, waren zu BEginn des Booms in der Lage, voll in das Nichtsgeschäft einzusteigen und sich mit genügend Nichts einzudecken, als die Nichtspreise noch nicht angezogen hatten. Nachdem die Regierung mit Hilfe der konzertierten Aktion zur Globalbesteuerung des Nichts übergegangen war, orientierte sich die Gesamtwirtschaft an der erhöhten Profitrate, die aus der Nichtsproduktion zu erzielen war. Die vorhandenen Nichtskapazitäten erschienen bei weitem nicht ausreichend, um die mächtig einsetzende Nachfrage nach immer mehr Nichts zu decken. Neue Nichtstechnologien wurden entwickelt; der Nichtssektor wurde zum tragenden Wirtschaftssektor, von dem das gesamte Zulieferwesen in wachsendem Maße abhängig wurde. Die Verpackung, Montage, Verschraubung und der Vertrieb des Nichts erforderte den Aufbau ganzer Subwirtschaftszweige. Daneben entstand eine eigenständige Nichtsersatzteile- und Zubehörwirtschaft. Der Arbeitsplatz im Nichts wurde zum sichersten Arbeitsplatz. Die Entlohnung erfolgte in Nichtsnaturalien. Die Volkswirtschaft spezialisierte sich auf die totale Vermarktung des Nichts, das sogar zum Stützpfeiler der Exportwirtschaft wurde. Die Leute dachten an den geschickt lancierten Werbeslogan: Nichts geht mehr ohne Nichts. Schließlich begannen die Leute das Nichts zu essen, wobei die Jüngeren die praktischhandlichen Nichtspillen in der Klarsichtpackung bevorzugten, von denen täglich drei zu den altherkömmlichen Mahlzeiten eingenommen den gesamten Kalorienbedarf an Nichts deckten. Die Nichtspillen avancierten sogar zum absatzstärksten Exportartikel für die Entwicklungsländer, deren Bevölkerung zur Abwechslung auch einmal Nichts essen wollte, nachdem sie mit den kunststoffbeschichteten Bratpfannen früherer Export-Import-Perioden nichts Rechtes hatten anfangen können. Nichts ist gesünder als Nichts wurde zum beliebten Werbeslogan der allgemeinen Nichtswirtschaft, in der absoluten Unverkäuflichverkaufsära. Es ist dies die zeitgenössische Gegenwart. Manche sagen, die Manager des Nichts erkenne man ihren Blicken, die an ausgeräumte Schaufenster erinnern. |