Frei

Früher hatte Johnny nicht an Vorahnungen, Träume und deren Ausdeutung geglaubt. Seitdem er mit Buschka die Ehe geschlossen hatte, maß er übernatürlichen Seelenlagen eine Bedeutung zu, die seinen Realismus erweiterte. Er war kein Träumer, sondern ein Erfolgreicher Buchmagier, der sein Schäfchen ins Trockne zu bringen verstand. Doch hütete er sich davor, das Wirkliche auf das Sichtbare zu beschränken. Das Jenseits war im Diesseits enthalten, das Diesseits strebte auf das Jenseits zu. Die Wirklichkeit war für Johnny wie die Ewigkeit magisch. Er nahm die Wirklichkeit als bloßen Begriff. Die Sonnensysteme flossen ineinander, sein Körper war Ausdruck einer Intuition und seine Seele lebte durch die Materie.

Johnny hielt es mit der Philosophie wie mit einem Steckenpferd. Er ritt darauf, wenn er Lust hatte. Er glaubte an Paracelsus, der gesagt hatte, die Crux der Philosophie sei, mit dem Ende anfangen zu müssen, dem Tod anstatt mit dem Anfang. Johnny war kein Philosoph. Scharlatanismus war ihm verhaßt. Er sah am Anfang das Leben und der Verkauf des Lebenswassers bestimmte sein Leben. Im übrigen hielt er es mit dem Schusterphilosophen. Er sah Dinge zwischen Himmel und Erde, die andere Menschen kaum begreifen können. Wenn Johnny überhaupt eine Philosophie besaß, so war es eine Hasenfußphilosophie, die ein Erwachsener nicht versteht, aber jedes Kind mühelos begreift. Seine Philosophie bestand im Vertrauen auf Buschka. Sie jedoch vertraute auf das, was ihr der Flaschengeist zuraunte.

Das Geschäft mit der Buchmagie florierte. Johnny ritt zu Pferd und gab seine Vorstellungen unter dem glücklichen Stern eines Volksheiligen, der zu den Quellen Kohlheims zurückgefunden hatte und nun seine erste Deutschlandtournee im magischen Dreieck zwischen Kohlheim, Berlin und Hamburg absolvierte. Die Verträge mit dem Fernsehen waren unterschrieben und die Gagen beliefen sich auf sechsstellige Summen. Seine ersten Schallplatten erschienen mit seinen gesammelten Predigten. Das Volke rast, wo er auftrat. Die Frauen warfen ihm Blumen auf die Bühne und wälzten sich unter den Tischen. Die Männer begannen zu weinen, stellten über Nacht Rauchen und Trinken ein und weigerten sich hinfort, ihre Frauen zu schlagen. Das Ausland begann sich für ihn zu interessieren. Die Goetheinstitute rissen sich um ihn. Er erhielt eine Audienz beim Friedenskaiser, der ihn mit einem Lorbeer krönte und zum Ritter des Buchs schlug. Wozu benötigte er abendländische Philosophie? er pfiff darauf. Seine Philosophie bestand im Glauben an den Erfolg, den buchmagischen Erfolg. Das Volk hing an ihm, er hing am Volk, sein großes Buch hing zwischen ihm und dem Volk. Die Welt war für ihn eine Welt des Buchs, des Buchs von der Kohlheimer Volksseele. Er war die Inkarnation der Volksseele und wo er auftrat, jubelte ihm das Volk zu.

Seine Tournee war begleitet von Fernsehwagen und Buchmanagern, die Presseerklärungen herausgaben. Das Volk verlangte nach Aufschluß über seinen Seelenzustand.

Er kam nach Berlin, begab sich vor das Brandenburger Tor und predigte: »Ich bin kein Berliner, sondern ein Kohlheimer! Eure Stadt war geteilt, aber Whisky ist unteilbar.«

Er kam nach München und predigte unter dem Baldachin der Feldherrenhalle: »Ich will in Euch einen teutschen Helden erwecken. Seine Waffe ist das Freibier. Damit wird er die Welt bezwingen.«

Johnny bahnte sich auf seinem Fazzo vorsichtig einen Weg duch die Menge. Er ritt Tag und Nacht durch die Ebene und gelangte vor das Kohlheimer Schloß, wo sich eine unübersehbare Menschenmenge versammelt hatte. Opa Kohl stand auf dem Balkon und winkte ihm mit einer weißen Fahne entgegen.

Es wurde dunkel. Die Sterne funkelten am Nachthimmel und die silberne Sichel des aufgehenden Mondes hing schwebend wie eine chinesische Dschunke über Kohlheim.

Er drehte sein Buch und begann zu lesen. Es war die lang erwartete Hasenfußpredigt, die wie ein Lied, das aus der Seele quillt, um wieder in die Seele hineinzuströmen. »Silberne und goldene Götter sollt ihr euch nicht machen«, sagte er: »Der Staat muß zur Kirche werden, in der das Volk spielt wie die Kinder vor Buschkas Schloß.« Johnny klappte das Buch zusammen und warf es in die Menge. Das Volk weinte. Die Kinder rissen sich um das Buch und zerfetzten es. Die mit Lettern übersäten, ehemals weißen Blätter wurden zu Schnipseln zerrissen in die Taschen der Kinder gesteckt.

Jetzt redete Johnny ohne Buch, vorgebeugt, die Arme auf den hölzernen Sattelknopf gestützt wie ein vom langen Ritt ermüdeter Westernheld, und er blickte in die aufgerissene Seele: »Ihr seid das Salz der Erde. Das Buchsalz. Ihr seid das verbücherte Volk. Das irre Buchvolk. Das Volk des Weltbuchs. Das wandelnde Buch. Das Buchlicht der Welt. Werdet wie ich, jedermann ein Hasenfuß. Jede Frau eine Buschka. Die Kinder springen ins Feld. Werdet eine Familie. Werft Eure Waffen in den Fluß. Ihr seid das Hasenfußvolk. Odins Unterhosen hängen im Wald. Siegfried ist ein alberner Narr. Trommelt mit Sataygraha. Liebt Rosi von Kohlheim. Ertränkt das Drachentier. Glaubt an den Hasenfußgeist, fürchtet Euch vor Mephisto, Roll over Beethoven und scheißt auf Faust. Pfeift wie die Kinder der Welt. Sucht das Weltbuchlicht. Sauft Bier und trinkt Whisky und werdet Welthasenfüsse.«

Andreas Leitolf: Amalgam