Die Friedenspredigt

Die erste Schiffsladung mit fünfhundert Giraffen aus Afrika wurde nach Kohlheim gebracht, als Hasenfuß kraftvoll neben den Mulattenkindern und dem schwarzen Trommler aus Natal aus dem Südfenster des Schlosses eine frischgeschnitzte Eichenholzkrücke schwenkte. Willy Doubleyou Guzman, der sagenhafte Großwildjäger, hatte tief im afrikanischen Busch von Johnnys Wirken für den Frieden in Kohlheim vernommen und eine Schiffsladung voll Giraffen in die Ebene beordert.

»Das Wesen der Giraffe ist friedliebend«, schrieb Guzman in einem Begleitbrief an Hasenfuß, es handele sich um ein Geschenk an die Kinder der Stadt, die sich an die langen Hälse der Giraffen klammern sollten, um das Giraffenreiten zu lernen. Die erste Giraffenherde strömte von der Schiffsanlegestelle am Fluß herauf zum Schloß, um sich unter der aus dem Südfenster fuchtelnden Krücke des alten Meisters zu versammeln. Ankunft und Ausladung der Giraffen begrüßte er freudig.

Das Volk drängte sich vor dem Schloß und man konnte kaum Giraffen von Bürgern unterscheiden, so reckten diese die Hälse, um zu lauschen, was Hasenfuß zur Ankunft der Giraffen in Kohlheim zu sagen hatte.

»Die Giraffe ist ein heiliges Tier«, donnerte Hasenfuß mit der schwarzen Krücke hoch in der Luft herumfahrend über die Köpfe der neugierigen Kohlheimer hinweg.

»Sie gehört den Kindern«, schrie er unter dem ausbrechenden Jubel der Kohlheimer. »Besteigt die Giraffen«, brüllte Hasenfuß aus dem Fenster und gab mit dem Krückstock ein Zeichen zum Aufsitzen für die Kinder.

Wie auf Kommando eines Geistes, der in der Giraffensprache reden kann, beugten die Giraffen ihre Hälse zum Boden, damit sich die Kinder anklammern konnten, und setzten sie sanft auf ihre abschüssigen Rücken. Affengleich saßen die Kinder auf den Giraffenrücken, klammerten sich an die langen, in den Friedenshimmel Kohlheims ragenden Hälse der Giraffen und strebten nun, begleitet von der Menschenmenge, die sich in den Straßen versammelt hatte, um das Schauspiel zu sehen, auf den Marktplatz vor das riesige Porzellantaubendenkmal, in dessen Innerem Opa Kohl wie ein Bauchredner eine Ansprache halten wollte.

Opa Kohl hatte das Alter von 170 Jahren erreicht, seine Persönlichkeit schwebte in biblische Dimensionen als Geist Weltkohlheims über der Stadt. Opa Kohl, der Weltfriedenskaiser, stieg in den dunklen Bauch des Porzellantaubendenkmals, nachdem er würdevoll den Marktplatz überquert hatte und vom Volk ein letztes Mal umjubelt worden war. Ein letztes Mal, weil sich in diesem welthistorischen Augenblick, nachdem Opa Kohl den Taubenbauch bestiegen hatte und mit einer Stimme zu reden anhub, die an Geistergemurmel aus dem Erdinnern gemahnte, an Raunen und Brummen, Seufzen und Stöhnen, Donnern und Rollen, an Rübezahls gewaltige Stimme erinnerte, weil sich in diesem Moment des Ineinanderverflochtenseins der Sonnensysteme und Milchstraßen, der Weltgebirge und Erdentiefen, der Ozeane und Erdatmosphären, in einem Augenblick des Neuentstehens der tellurischen Ursuppe, als die Kinder an den Giraffenhälsen hingen, um Opa Kohls Rede zu lauschen, als die silberäugige Rosi Finsterwalder, deren Schönheit über alle sieben Weltmeere gerühmt wurde, mit ihren Mulattenkindern im Schloßgarten Ringelreihen tanzte, als sich der schwarze Trommler aus Natal mit dem selten schönen und vielversprechenden Namen Satyagraha in den Empfangssaal begab und zu Trommeln anhub, daß die Wände des Schlosses in ein melodischschönes Zittern verfielen, als Johnny Hasenfuß, der bekannte reitende Buchmagier, jetzt Rosis Hoferzieher, sich weit aus dem Friedenspalast lehnte, um mit seiner frisch geschnitzten Eichenholzkrücke nach Süden zu deuten, wild zu fuchteln begann, um das nahende, von ihm gespürte Ereignis anzukündigen, das sich über dem Marktplatz von Kohlheim vollziehen wollte, als ob es keinen anderen Vollzugsort für den geheimnisvollen Willen der Weltgeschichte gegeben hätte, als eine neue Ladung von gelbrotbraun gestreiften Giraffen aus dem Innersten Afrikas am Kai des Hafens der Stadt von Bord gelassen wurde, eine Giraffenherde, wie sie der europäisch gebildete Mensch noch nicht gesehen hatte, die Kohlheim zu überschwemmen schien, als sich die sonnenverbrannten Männer der wilden Reiter GmbH in die Sättel ihrer Tiere schwangen, um dem kommenden Ereignis entgegenzuziehen, es zu begrüßen, ihm vorauszueilen wie einst die Hunnen, rohes Fleisch unter ihren Sätteln zermürbend aus der Kirgisiensteppe nach Europa zogen, um die Ankunft neuer, stärkerer Zeiten zu verkünden, als sich die wilden Reiter in die Sättel warfen, um im Galopp um das Dorf zu reiten, ständig im Kreis um Kohlheim, als wollten sie einen magischen Zirkel zu Pferd schlagen, einen Gotteszirkel um einen Ort, der auserwählt war, der Menschheit Brot und Frieden, vor allem Frieden, zu bringen, weil sich in diesem Moment, als die Kinder an den Giraffenhälsen zu schreien begannen, in der Vorahnung des sich Anbahnenden, die riesige Porzellantaube, in deren Bauch der Friedenskaiser saß und redete, aus ihrem Sockel löste, ihr Dasein als Friedensdenkmal aufgab, um sich in den sonnendurchfluteten Himmel Kohlheims zu erheben, einem unbekannten Flugobjekt gleich, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Zeppelin oder Fesselballon besaß, unzweifelhaft aber Taubengestalt aufwies.

Die wunderbare Entrückung des Friedenskaisers im Bauch des Porzellantaubendenkmals, das sich trotz seines ungeheueren Gewichts aus Porzellan und Stahlbeton den Verstrebungen selbstständig entreißen konnte, das Opa Kohl nicht mehr losließ, sondern auf ewig und Nimmerwiedersehen mit sich führte und in himmlische Gefilde enthob, löste bei den Kindern, die sich angstvoll an die Giraffenhälse geklammert hatten, ein befreites Lachen und Jubeln aus. Kinderarme streckten sich über den weißen Himmel über Kohlheim, deuteten auf die entschwebende, noch mächtige Schatten auf Kolhlheim werfende Porzellanfriedenstaube, die die eintausendfünfhundert Giraffen auf dem Marktplatz die Hälse und Augen nach oben wenden ließ, um das merkwürdige Flugobjekt zu verfolgen, in dem der Kaiser wie in ewigen Friedensbanden gefangen saß und womöglich noch predigte, ohne gehört zu werden, predigte in einer Form, die in sanften Weltschwingungen über der sichtbaren und unsichtbaren Erde nachzuweisen war von Weltfriedensforschern mit feinen Friedensmeßgeräten, die man an allen markanten Hervorhebungen des Erdballs postiert hatte.

So endete das Weltfriedenswerk des Kohlheimer Kaisers, bei dem mitzuwirken Hasenfuß durch glückhafte Umstände berufen war. Später hieß Kohlheim das Giraffendorf, das der Besucher schon von der Ferne daran erkannte, daß die Menschen dort ungewöhnlich lange Hälse hatten, unaufhörlich die Trommel schlugen, die Kinder auf Giraffen ritten und schwarzbraune Hautfarbe besaßen, die durch das sonnendurchflutete Klima der Ebene und der Vermischung der Bevölkerung mit afrikanischen Ethnogruppen entstand, die sich in der Nachkommenschaft Rosis und Satyagrahas herausbildeten. Die Kinder pfiffen unentwegt auf kleinen, weißbunt bemalten Tontaubenpfeifchen, die von einem kugeligen Waldweib wöchentlich in das Dorf auf den Marktplatz gekarrt wurden. Von Grund auf friedlich und freundlich gesinnt begrüßte er jeden Besucher Kohlheims mit sanftem Trommelschlagen, fröhlichem Pfeifen oder einer gelassenen Verbeugung herab vom Hals seiner Giraffe. An der Stelle, wo die Porzellantaube stand, um sich in die Lüfte aller Himmelsrichtungen zu entheben, baute man eine Friedenskapelle, die an das gewaltige Werk Opa Kohls in schlichter Form erinnerte.

Andreas Leitolf: Amalgam