NachwörtlichDie ersten Landarbeiter und Holzfäller kamen von ihren entlegenen Arbeitsplätzen schreiend in die Stadt gelaufen und berichteten von wilden Wolfsrudeln, die schwimmend die Flüsse durchquerten. Sie berichteten von haushohen Springfluten, die die Sümpfe des Finsterwaldes überschwemmten, von fliehenden Tieren, röhrenden Hirschen, hakenschlagenden Hasen, auffliegenden Waldtauben, die reihenweise in die Flüsse fielen und eine leichte Beute für die Wölfe wurden, die nach dem Genuß von Waldtaubenfleisch vergiftet in den Fluten untergingen und jämmerlich ertranken. Sie berichteten von fliegenden Särgen, die aus den vergletscherten Gipfeln des Watzhorngebirges fielen, um die Wölfe in den Schluchten des Steinernen Meeres zu erschlagen. Und dann brach die fünftausend Meter hohe Nordwand des Watzhornmassivs zusammen und der Berg begann zu laufen. Gemsen ruderten verzweifelt auf dem ins Tal drängenden Geröll, auf Felsen stehend, die den Gletscher heruntertrieben. Als der Berg in den Kohlheimer See stapfte, erhob sich eine Springflut und schob sich über zahllose, struppige Wolfsrudel, die schwimmend um ihr Überleben kämpften. Die Vorzeit war aus den Fugen, weil die Sintflut alles vertilgte, was Leben in sich trug. Die turmhohe Flutwelle wälzte sich über die Ebene und inmitten ihrer Schaumkrone trug sie ein Wesen von der Größe eines jungen Walfischs. Es war ein Zotteltier, halb Mensch, halb Affe, mit ausgewachsenen Greiferarmen, einem Ochsengleichen Kopf und einem zähnefletschendem Gebiß. Tantras Rückkehr bahnte sich an, auf einer Sintflutwelle surfend, die Kohlheim verschlingen sollte, weil die Stadt außer Langeweile und Ohnmacht nichts mehr zu bieten hatte. Und hinter der Welle lief der Berg, der sich selbstständig gemacht hatte, um über Kohlheim die Sintflut zu schicken und der Berg war gewillt, Tantra einzuholen, um ihn zu retten und auf seinem Gipfel zu tragen, als Wahrzeichen einer Stadt ohne Augen. Die Springflut riß die Stadtmauern samt der eingemeißelten Krücke nieder, um Platz zu schaffen für das einsame Kohlheimmonster. Rasputin verließ seine Sänfte aus weißer Flokatiwolle und sprang entzückt in die steigenden Fluten auf dem Marktplatz und schrie: »Tantra ist da.« Sein weißer Bart markierte noch lange die Stelle, an der er ertrunken war, da er nicht untergehen wollte und mit aufgeblähtem Bauch sieben Tage und Nächte vor dem Präsidentenpalast auf- und abtrieb. Die Wasserleiche des Paulus steckte noch tagelang in der Kanzel, wo ihn die Flutwelle predigend und krückenfuchtelnd überfallen hatte. Die Kirchenbänke schwammen losgerissen und voller kniender Betender über den Marktplatz zwischen Trümmern der Pauluskirche und des Präsidentenpalastes und stießen gegen den goldenen Käfig, in dem Tantra Platz genommen hatte. Kohlheim ging zugrunde in einer Sintflut. Nur Tantra überlebte, weil es ihm gelungen war schwimmend mit dem Käfig auf dem Rücken wie eine Schildkröte den Gipfel des hinter ihm laufenden Watzhorns zu erklimmen, just in dem Augenblick, als der Berg den Präsidentenpalast zertrat und wegen der massiven Bauweise einen Moment in seinem Lauf aufgehalten wurde. Tantra, im goldenen Käfig, hinaufgeschwemmt durch die große Flutwelle, hervorgegangen aus der sagenhaften Wasserkrise vor vielen Jahrhunderten der Einsamkeit, überstanden die untauglichen Blitzkriege, die Leere, die Ungewißheit über das Weltziel, der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung, des kleinstädtischen Glaubens, sitzend auf dem fünftausend Meter hohen Watzhorn, gefüttert durch die Vögel des Himmel. So ist heute nichts mehr von den Kulturversuchen der Finsterwalder in der Ebene erhalten, als ein Käfig, in dem Tantra sitzt und frißt, kriecht und Urlaute ausstößt. Grunzend und zufrieden sich unter den Achseln kratzend lebt Tantra in allen nachfolgenden Generationen, die aus dem Reich jenseits der Wolfsgrenze herbeikamen. |