SpitzhackenDie Gründung der Stadt Kohlheim basiert auf einem Erlaß des Kaisers Wilhelm I., wonach der Gedanke der Gründerzeit und der damit verbundenen Reichsgründung hinaus in die Provinz getragen werden sollte. Tatkräftige junge Männer, zu denen Opa Kohl damals noch zu rechnen war, erhielten aufgrund des Erlasses Gründungssubventionen zur Errichtung reichsunmittelbarer Kleinstädte in Form von Golddukaten, die zu tausenden in mittelgroßen Leinensäckchen abgepackt wurden und den Bewerbern in den öffentlichen Bankinstituten bei Vorlage von Gründungsausweisen, die zur Kolonisierung des Hinterlandes berechtigten, ausgehändigt wurden. Opa Kohl, der nicht nur Kantanhänger war, sondern auch an den Grundsatz des Rousseau »Zurück zur Natur« glaubte, machte auf seine Weise von dem allgemeinen Gründungsaufruf Gebrauch, um sich gleichzeitig bei sieben Banken jeweils zwei Leinensäckchen mit insgesamt vierzehntausend Golddukaten zu verschaffen, und zog auf einem Pferd, das er streunend vor dem Tor der Hauptstadt aufgegriffen hatte, über das Land, ritt Tag und Nacht sieben Wochen lang nach Süden, bis er die Mainlinie erreichte, durchschwamm mit seinem Pferd die Donau, wobei er die Golddukatensäckchen an einer Schnur aufgereiht hoch über sich hielt, damit sie nicht ins Wasser fielen, überquerte reitend und erschöpft den Stachus in München, focht Kämpfe mit hungrigen, auf Beute lauernden Wolfsrudeln aus, durstete, hungerte, verirrte sich in Brombeersträuchern und gelangte so endlich nach abermals drei Wochen tief in das bayerische Voralpenland in den Finsterwald. Der Name Kohlheim war noch ungeprägt und die Menschen begaben sich nach dem Schlaf der ersten Nacht ans Werk, um im Finsterwald etwas zu bauen, das noch unbenannt war wie ein Stück des Paradieses und, weil es Teil des Paradieses war, keines Namens bedurfte. Da Opa Kohl als Entdecker des Geländes angesehen wurde, übertrug man ihm die Leitung der Stadtgründung. Schaufeln und Spitzhacken wurden aus den Planwagen gehoben, die man zu einer Wagenburg zusammenstellte, um sich gegen die Wölfe zu schützen, die nachts durch die Donau geschwommen kamen und sich meilenweit bis tief in das bayerische Hinterland verirrten, um dort ihrer Beute nachzujagen. Gruben wurden ausgeschaufelt, um den Häusern Fundamente zu geben. Nach einigen Wochen sah die Landschaft, die in den Bildern Opa Kohls eine blühende Wiese war, aus wie eine riesige Baustelle. Opa Kohl erfand die Methode, die aus Erde Farbe entstehen ließ. Er mischte Erde mit Wasser in einem Verhältnis, das er nach langen Versuchen richtig zu bestimmen vermochte, gab pulvrige Stoffe hinzu, und so gelang es ihm, aus einem brodelnden Gemisch von erhitzter Wassererde in einem Holzbottich Farbe anzurühren, zur Bemalung der ersten Häuser, die aus den Gruben schossen. Alle Häuser wurden braun angemalt, da Opa Kohl andere Farben als Braun in allen Tönen nicht herstellen konnte. Aber die Menschen waren zufrieden, daß es zu Beginn dieser bürgerlichen Epopöe überhaupt Farben gab. So nahmen sie mit der braunen Farbe vorlieb, die sie bald in Ermangelung anderer Farben, zur Volksfarbe erklären sollten. Die farbliche Vorstellungswelt war, soweit sie künstlich geschaffene Dinge betraf, die nicht die Farbenfreude der Natur teilten, durch die vorherrschende Staatsfarbe geprägt. Nachdem Opa Kohl von den Bürgern einstimmig zum Oberhaupt der Stadt gewählt wurde, steuerte er die Staatsgeschäfte vom Regierungspalast aus. An der Hand seines Großvaters durchstreifte Johnny den Regierungspalast, um schließlich in ein geheimes Zimmer mitgenommen zu werden, das die Bibliothek des Hauses beherbergte. Opa Kohl war der berühmteste Kantforscher der Stadt. Er zog ein Buch aus dem bis unter die Zimmerdecke reichenden Regal und buchstabierte mit Johnny die Überschrift: »Zum ewigen Frieden«. Danach erklärte Opa Kohl seinem Enkel das Wesen des Friedens. Johnny, der als Sechsjähriger sich noch nichts unter philosophischen Begriffen vorstellen konnte und den Frieden auch nicht in Frage gestellt sah, erblickte den Großvater von einer leuchtenden Aura umflossen, das Haar im Goldglanz des einfallenden Sonnenlichts, als der Großvater sich über ihn beugte, nachdem er ihn auf den Schoß genommen hatte, um den Buchtitel zu buchstabieren, den er nicht verstand und auch nicht verstehen wollte, weil keine Bilder in dem Buch waren und er eine Geschichte von Bären, Prinzessinnen und Märchenprinzen, Drachen, Königen und goldenen Bällen erwartete, die aber nicht kam, nicht erzählt wurde, so daß Johnny ungeduldig auf dem Schoß des Großvaters herumzurutschen begann, ihn an den silbernen Haaren zerrte und ihn loszulassen bettelte, um nach draußen in den mit Obstbäumen bepflanzten Garten laufen zu dürfen, wo ihn das milde Septemberlicht der fünften Jahreszeit erwartete. |