Langhaarflokati

Die Kleinstadt wurde auf dem Boden untergegangener Wälder gegründet. Diese waren im Verlauf der Erdfaltungen zu Erdöl zusammengepreßt worden, das sich unter dem ungeheuerem Druck der Gesteinsplatten unter der Ebene in Lagern, Kavernen und Seen sammelte. In den Gründerzeiten aber kam ein Händler nach Kohlheim, der zum ersten Unternehmer dieser Stadt wurde: Mister Flokati.

Die Kohlheimer sahen ihn von weitem kommen, wie er auf einem Teppich über die Baumwipfel der Ebene flog, erst im Höhenflug, dann im Gleitflug. Im Sturzflug setzte er zur Landung in das Teppichhaus in der Türkenstraße an. Den ersten fliegenden Teppich brachte Mister Flokati aus Nordmazedonien in die Stadt. Er verkaufte Teppiche in der Türkenstraße für wenig Geld und machte damit das Geschäft seines Lebens. Die Nachfrage nach den fliegenden Teppichen, die noch nicht in das aktuelle Angebot aufgenommen waren, einem Verkaufszustand, der bis zu Mister Flokatis Ankunft ein psychophysischer Glücksfall gewesen war, jetzt aber nicht mehr ausreichte, um den Seelenmarkt abzudecken, stieg ins Unermeßliche. Die fliegenden Teppiche, nach denen das Volk lechzte wie ein verdurstendes Kamel in der Wüste, für die es Wolfsgestalt annahm, um zum Kampf aller gegen alle anzutreten, das Wort vom homo homini lupus auf den Lippen führend und sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen für ein bißchen mehr Teppich, der seligmachende Teppich war bislang übersehen worden. Hätte man schon früher über den frugalen Wohlstand hinaus gedacht, in einer Zeit, in der alles Denkbare und Erfindbare das Wesen des In- und Output angenommen hatte, so wäre man auch auf den marktlückenfüllenden fliegenden Teppich verfallen, - ein Verkaufsobjekt, das an die Wurzeln der Gründerjahre rühren konnte. Aber der fliegende Teppich war nicht einprogrammiert, gar nicht vorgesehen. Fast mochte es scheinen, daß er schlicht vergessen worden war.

Die Kohlheimer hatten die Luftreise des Flokatihändlers beobachtet und waren augenblicklich besessen von griechischen Flokatiteppichen. Ihre braunen Häuser, die aus Finsterwalderholz gebaut waren, legten sie mit Langhaar- und Kurzhaarflokatis aus und sie dachten: »Das ist das Kohlheimer Gefühl.«

Die Grundlage des Kohlheimer Aufstiegs zur weltbeherrschenden Kleinstadt war auf dem eisenharte Finsterwalderholz gegründet. Mit Hilfe des fliegenden Teppichhändlers entwickelte sich die Kultur schnell weiter, das Fliegen von Teppichen wurde zum Volksvergnügen. Die Kinder sichteten zahllose Teppiche im Himmel über der Ebene, die in allen Größen tagtäglich die Sonne verdunkelten und Mondfinsternisse verursachten. Die Kleinstadt litt unter einem Teppichtrauma. Außer fliegenden Teppichen in allen Farben und Tempostufen gab es keine Verkehrsmittel mehr.

Mister Flokatis kleiner Laden in der Türkenstraße avancierte zum größten Teppichhaus von Kohlheim. Und wie Jesus Christus auf dem Meer wandelte, fuhr er sicher und unbeirrt durch den Föhnsturm, auf einem Teppich segelnd, heruntergrinsend mit dem Blick des Ewigen Juden, der durch die Menschheitsgeschichte irrt, um aus Schafswolle Geld zu machen. Die griechischen Schafe wärmten mit ihrer Wolle den Kohlheimern die Füße, während Mister Flokati in der Türkenstraße Teppiche wälzte, ausschüttelte und zusammenlegte, aufrollte und wieder einrollte, unter dem Arm mit sich herumtrug und sich unversehens auf einen fliegenden Langhaarflokati schwang, um den Umsatz eines anstrengenden Verkaufstages über der Kleinstadt gleitend zu überschlagen.

Er flog durch die Lüfte wie fahrende Hexen auf Besen und erspähte auf einer Waldlichtung ein junges, üppiges Mädchen, sitzend und sich die weißblonden Haare mit einem Kamm striegelnd, drall und prall wölbten sich zwei runde Brüste wie kleine Zuckermelonen unter ihrem lockigen Loreleyhaar. Wie Liane aus dem Urwald saß Rosi mitten auf der Lichtung und Mister Flokati vergaß seine Berufung als Händler und stürzte im Kamikazeflug hinab in den Finsterwald, sprang vom Teppich, als dieser über Rosi schwebend stillstand, in einer Luft, die nur vom Rascheln der roten Eichhörnchen durchzittert wurde, die von Baum zu Baum springend den Beginn einer Romanze beäugten, als Rosi und Mister Flokati ihre Kleider fallen ließen und sich nackt - wie Gott sie schuf und in die finstere Welt gestoßen - umarmten, liebten und zu drehen begannen auf dem Waldmoos, das sich in einen Teppich aus weißem Flokati verwandelte.

Mister Flokati packte die Rosi mit seinen schönen schmalen Dürerhänden, die bislang nur an die Magie des Geldes geglaubt hatten; sie wälzten sich in der Liebesglut ihrer Jugend mitten im Urwald. Der erste Finsterwalder war ein Märtyrer und die letzte eine Waldsexbombe. Mister Flokati umklammerte hoch in den Lüften seine Rosi auf königsindisch und drehte viele Runden über der merkwürdigsten Kleinstadt der Welt.

Dies war die hohe Stunde der Kultur, der Urbarmachung und Befruchtung der Ebene. Aus dem Schoß der Rosi krochen im Lauf der Jahre die Söhne und Töchter Mister Flokatis, alle hatten den undurchdringlichen Pokerblick, der nach Absatz von Teppichen schielte, und die buschigen schwarzen Augenbrauen des ersten Finsterwalders, des Urkopfes, der von den Hunnen aufgespießt worden war. Und diese Menschen aus den Lenden Mister Flokatis und dem Schoß der Rosi Finsterwalder bildeten die Mischung, die Kohlheim zur Blüte bringen sollte. Seit der Zeugung der Jungfinsterwalder auf fliegenden Teppichen sprachen die Menschen vom Kohlheimer Luftgenie, das die Welt später mit fliegenden Sargkästen überschwemmen sollte, mit Flugzeugen und Zeppelinen, die den weißblauen Himmel über der Stadt bevölkerten.

Kohlheim hatte seine Urgeschichte abgeschlossen. Die alten Finsterwalder waren in den Urwald zurückgekehrt, der rund um Kohlheim aufgeforstet wurde, um die Waldtaubenpest zu bekämpfen. Mit Mister Flokati kam der Handel in die Stadt, und die Kohlheimer hätten ihren Gründerstamm bald vergessen, wäre Rosi nicht gewesen, die auf Teppichen reitend die Tradition der Finsterwalder aufrecht hielt. Sie war so fruchtbar, daß sie nicht nur auf Teppichen, sondern mit Vorliebe auf ihrem Ehemann ritt, dem sie neunundneunzig Jungfinsterwalder gebar, wie ein Kaninchenweibchen, das den besten Rammler gefunden hatte. Wie Jesus Christus auf dem Palmesel ritt nun auch Rosi auf dem Teppich aus Schafsfell durch die Stadt, der ihnen im Wald mitten auf der Lichtung, wo die Urzeugung stattgefunden, als Lustunterlage gedient hatte.

Andreas Leitolf: Amalgam