Paulus

Einer der Männer der ersten Stunde war Paulus der Pädagog. Er sah aus wie ein Weiser aus dem Morgenland, in Jesuslatschen mit wehendem Bart. Bei seiner Ankunft in der Ebene hatte er das Alter von neunzig Jahren erreicht und erfreute sich einer frühlingshaften Gesundheit, die auf seine naturgemäße Lebensweise zurückzuführen war. Paulus war Vegetarier und glaubte an das Wasser, an die reinigenden und gesundmachende Wirkung vor allem des Indish Waters, das man leider in den Gründungszeiten noch nicht einführen konnte, weil Indien so weit weg und der Ganges somit kaum zu erreichen war. Seine Rede war: »Wasser ist das Beste«.

Morgens schritt Paulus durch die saftigen und frühtaunassen Wiesen, bald hatte er einen kleinen Kreis eifriger Jünger um sich geschart, die das Gemüse zur Götterspeise erklärten und das Wasser anbeteten, das Edelste, was auf Erden dem Körper zugeführt werden könnte. Noch sechzig Jahre war es Kohlheim vergönnt, in diesem Mann, der ein Gründungsvater der betenden Tat war, einen Lehrer zu haben, der nicht nur die Leitung der Schulen übernahm, sondern auch die ersten Taufen im kristallklaren Fluß durchführte.

Paulus ließ Eichenholzkrücken schnitzen, schwarz anmalen und verteilte diese an die Kinder mit der Feststellung, daß sie nun im Besitz der gottsuchenden Deutungskrücken seien, die ihnen nützlich wären bei der Enträtselung der Weltzusammenhänge. Paulus gab täglich Unterricht in der Handhabung der Deutungskrücken, stellte sich mit den Kindern an ein Fenster der Schule, das auf den Fluß hinaus ging und zeigte auf das Wasser, indem er seine Krücke weit aus dem Fenster reckte, warf, ohne sie aus der Hand zu lassen, das Instrument seiner Weisheit dann wieder hereinholte, um es in der Ecke des Schulraums abzustellen um sich nun auf die Technik der Kinder zu konzentrieren.

Die Krücken der Kinder waren kleiner. Es waren Kinderkrücken, die so lang waren wie zehnjährige Mädchen hoch, diejenige des weisen Paulus hingegen wies bereits die Höhe von Stöcken auf, auf denen man stelzen kann, Stelzenformat. Die Krücke wurde ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens im Dorf, da die Kinder, sobald in ihren Elternhäusern von Religion die Rede war, in die Schule eilten und ihre Krücken holten, ohne die sie nicht in weiteren Zusammenhängen denken konnten. Die Krücken wurden zu Instrumenten der Volksweisheit, zu Befragungsorakeln, Deutungsapparaten, die im Gebrauch der Weltweisheit richtunggebenden waren und den Menschen das Gefühl der Sicherheit gaben, Unterstützung im Tasten und Hinaufdeuten in den Himmel.

Andreas Leitolf: Amalgam