Willy der Großwildjäger

Willy entschied sich für die Laufbahn des Großwildjägers. Sein Jagdgebiet war das Swaziland. Dort ist das Großwild kleiner als sonstwo. Man muß drei Arten von Großwild unterscheiden: das große Großwild, das kleine Großwild und das große Kleinwild. Willy spezialisierte sich auf das kleine Großwild. Als er die Großwildjagd erlernte, hat er auch auf Großgroßwild geballert. Der größeren Zielfläche wegen sei die Abschußquote höher gewesen. Damals hat er in Obervolta gejagt, bis die Bestände an Großgroßwild erschöpft waren. Dann hat er sich auf Kleingroßwild spezialisiert.

Willy hat den anstrengendsten Beruf der Welt. Die Aufspürung des kleinen Großwilds ist nur den hochspezialisierten Großwildjägern möglich. Es gibt überhaupt nur drei Großwildjäger auf der Welt, die sich auf kleines Großwild spezialisiert haben. Das Schwierige bei der Großwildjagd ist die Unterscheidung des kleinen Großwilds vom großen Kleinwild. Die drei Großwildjäger, die diesen Namen verdienen, jagen getrennt auf den Erdteilen Afrika, Asien und Südamerika. Das indische, afrikanische und südamerikanische Großwild unterscheidet sich unerheblich voneinander. Die Fähigkeit, kleines afrikanisches von kleinem südamerikanischen und dieses von kleinem indischen Großwild zu unterscheiden, besitzt niemand auf dieser Welt. Die Kunst, das kleine Großwild von dem auf diesen Kontinenten herumlaufenden großen Kleinwild zu unterscheiden, nimmt schon ein Großwildjägerleben in Anspruch. Das Höchste, wozu es ein Großwildjäger bringen kann, ist, ein auf Afrika, Südamerika oder Indien spezialisierter Kleingroßwildjäger zu sein.

Willy jagt dreihundertvierundsechzig Tage im afrikanischen Busch kleines Großwild. Am Ostermontag fliegt er nach Österreich herüber, um auszuspannen. Er tanzt dann mit der Geierwally im »Clima« zu Innsbruck den Soulbeat. Den Rest des Jahres wartet die Geierwally. Sie wartet dreihundertvierundsechzig Tage ohne zu tanzen auf ihren Willy. Wenn er kommt, sprechen sie kein Wort miteinander, tanzen nur schweigend den Soulbeat. Für die Geierwally besteht das Leben darin, einmal im Jahr mit dem Willy im »Clima« zu tanzen und dreihundertvierundsechzig Tage auf ihn zu warten. Und für Willy besteht das Leben darin, dreihundertvierundsechzig Tage im Busch kleines afrikanisches Großwild zu jagen und einmal im Jahr mit der Geierwally den Soulbeat in Österreich zu tanzen. So sieht das gemeinsame Leben meines besten Freundes Willy und seiner Freundin, der Geierwally von Innsbruck, aus. Und ich bin sicher, daß es ein erfülltes Leben ist.

Andreas Leitolf: Amalgam