WassersportDer Geruch von Wolfsurin schwebte über der Ebene und gab den Menschen ein Gefühl von Geborgenheit, als nach sieben Tagen ein Mann nach Kohlheim kam, der aussah wie der wilde Moosbrugger, mit dreizehn toten Wölfen, die er an einem langen Seil hinter sich her durch die Ebene zog. Er kam, sichtlich erschöpft und mehr taumelnd als gehend, über die weiten abgeernteten Weizenfelder des Spätsommers, ein wilder Tartar ohne Pferd, der schon viele Monate kein Stück Fleisch mehr unter seinem Sattel weichgeritten hatte, und doch ein Waldschrat, wie er nur aus dem tiefen Österreich hervorbrechen kann, einem Land, das urige Wildheit mit dem Charme einer abgetakelten Kaisermonarchie zwanglos verbindet. Die charmante Lebensart war dem Mann abhanden gekommen. Kein Wort kam über die Lippen des wilden Mannes, der in wochenlangen Märschen bei Nacht und bei Tag die Hitze der fünften Jahreszeit ausgestanden und sich mit tausenden von hungrigen Wölfen in erbitterten Gefechten herumgeschlagen haben mußte, der nahe am Verdursten war, als er sich zum Fluß hinunterstürzte, um auf dem Bauch liegend zu trinken, das köstliche Wasser in sich aufzusaugen wie ein getrockneter Schwamm, das heilige, von Paulus dem Erzieher gesegnete Wasser in sich hineinzusaufen wie zwanzig Pferde an der Tränke. Dann warf er mit dem Schwung eines Freistilringers aus Bulgarien das um die Hüften gespannte Biberfell ab, schleuderte die Pelzmütze zu Boden und sprang mit einem Satz nackt in das Wasser, der die Kinder zu lauten Beifallskundgebungen hinriß, da sie in dem eben eingetroffenen Mann aus dem Nichts den neuen Schwimmeister von Kohlheim vermuteten, der ihnen diesen Wassersport anstelle eines Paulus beibringen konnte, der den Hauptaktzent seines Wirkens auf die geistige Ebene gelegt und vergessen hatte, daß der Mensch auch einen Körper hat, der sein Recht auf Ertüchtigung beansprucht, auf Wassersport, auf Schwimmen. Der Mann aus dem Nichts schwamm, tauchte, sprang wie ein Delphin durch die Luft über den Stromschnellen des Flusses, mit einer Behendigkeit, die niemand ihm zugetraut hätte, die man bewunderte, beklatschte, und so war er bald neben Paulus dem Weisen der beliebteste Lehrer in Kohlheim, beschränkt auf den Bereich des Physischen, aber auf diesem Gebiet war der Mann aus dem Nichts tonangebend, daß er sämtliche Frauen der leichten Liebe in der Roxy-Bar, die von August Finsterwalder neben der Privatpost des Jonathan eröffnet worden war, nach ihm rollen machte. Da der Mann aus dem Nichts nie sprechen gelernt oder im Kampf mit den Wölfen, er war mit Wolfsnarben übersät, die Sprache verloren hatte, mußten sich die Damen in der Roxy-Bar mit verstohlenem Deuten auf sein gewaltiges, den einzigen Tisch der Kneipe beanspruchendes Glied begnügen, mit dem Deuten, das unzweideutig das ungewöhnliche und bis dahin in Kohlheim noch nicht gesehene Ausmaß seines zufrieden nach der Erlangung des Ziels seiner Reise ruhenden Männlichkeitsbeweises zu erahnen schien, ohne es fassen zu können, das von einem noch weniger zweideutigem Rollen der Augen der leichten Mädchen der Liebe begleitet wurde, die aus ihren Höhlen zu springen schienen und die Profile der Liebestöchter anspannten, im Gefühl der Vorlust, die ihnen aus der Tiefe des tausendjährigen Österreichs mitgebracht worden war. Während die Mädchen in unverhoffter Vorlust erstarrten und die Kinder angstvoll schreiend durch die Stadt liefen, um den Erwachsenen aus der Stadt vom Eintreffen des Mannes aus dem Nichts zu berichten, der schnurstracks nach dem langersehnten Löschen des Flüssigkeitsbedarfs in die Roxy-Bar gegangen war, um dort sein blaurot tätowiertes Glied mit dem Knall eines platzenden Luftballons auf den Tisch zu schlagen, damit es gebührende Achtung fände. Während die babylonischen Weiber staunend den Tisch umstanden und die Augen nicht mehr von dem Schauspiel lösen konnten, das in der Aufrichtung des himmelsstürmenden Turms von Babel bestand, während sich ihnen das Wasser aus den Schlüpfern drängte und sie nicht wußten, warum und woher, ob es das Wasser der Vorlust oder das Wasser war, das die Aufregung über Unvorhergesehenes verursachte, während das heilige Wasser in Kohlheim gelobt wurde und Paulus, der Wasser anbetete, friedlich in den grünen Auen des Flußbettes spazierte, ohne von dem gliedmäßigen Auftrumpfen des Mannes erfahren zu haben, der Wasser aus den sauren Hurenzitronen zu quetschen verstand, dies durch das bloße Vorzeigen einer Wirkmächtigkeit verursachte, die sich unversehens zur silbernen Steifheit des Eiffelturms verdichtet hatte, während plötzlich das unfaßliche Wunder der Fleischwerdung in der Roxy-Bar geschah, war Opa Kohl bereits zusammen mit Jonathan, dem Poststempler, auf dem Weg zu diesem Ort des Gefühlswohlstandes, diesem Zirkus des Kraftgliedes und dem Kreidekreis der wasserlassenden Hurenweiber, die bibbernd den Ausgang des Schauspiels überwachten, in der Hoffnung, das große wunderbare Etwas möge dem Manne aus dem Nichts noch lange erhalten bleiben, damit sie es betrachten, bewundern und anfassen könnten, was er gerne gestatten wollte, er, der Traumschrat, der die Wolfslinie durchbrochen und die Wölfe, die er nicht hatte erschießen oder erschlagen können, durch das bloße Vorzeigen seines himmlischteuflischen Kriegsgemächts in die Flucht getrieben hatte. Opa Kohl betrat mit markigem Ordnungsschritt die Roxy-Bar, als der Mann aus dem Nichts sein gegen den Himmel auffahrendes Glied zu reiben begann, um unter den Augen der gespannten Hurenweiber das Gefühl zu erlangen, das er im Kampf gegen die Wölfe verloren zu haben schien, das er suchte, weil er es entbehrte, das er erahnte in den Augen der von der Basedowschen Krankheit befallenen Liebesgöttinnen der Roxy-Bar, wie es sich herausspiegelte aus den Jahren verflossener Hurenliebe. Jonathan, der das Schauspiel, mit dem er konfrontiert wurde, nicht mit seiner wissenschaftlichen Auffassung des Postwesens in Einklang bringen konnte, fuhr erschreckt zurück, verließ insichgekehrt die Roxy-Bar und schlug siebenmal das Kreuz auf dem Nachhauseweg, während Opa Kohl als Leiter der politischen Angelegenheiten der Stadt den Mann aus dem Nichts ebenso freundlich wie bestimmt ersuchte, seinen geladenen Spritzschlauch wieder einzurollen und das Werk des Feuerlöschens auf die Nacht zu verschieben, wobei er unter der Hand darauf aufmerksam machte, daß die Liebe nicht auf dem Tisch, sondern nach Kohlheimer Gepflogenheit im Bett stattzufinden habe. |