Meine Oma träumt vom dritten Weltkrieg

Im Lehnstuhl aus Bambusrohr schaukelt meine Oma. Erstmals prophezeite sie Krieg im Alter von zwanzig Jahren. Sie wiederholte ihre Warnung, als Hitler die Schlacht um Stalingrad verlor. Ihr Urin verfärbte sich zu dieser Zeit grün. Heute ist sie einhundert Jahre alt, trinkt Wkisky und hat zwei Weltkriege mit Rotbäckchen überstanden. Im Glauben, ein neuer Krieg breche jeden Tag aus, hält sie ihre Familie in Atem. Sie ist guter Dinge, da sie zuvor den Tod erwartet. Alle Starfighterpiloten, die ihren Absturz überlebt haben, sollen bei ihrem Leichenbegräbnis Ehrenspalier stehen.

Meine Oma wippt zufrieden im Schaukelstuhl: Sie wird den Weltuntergang nicht mehr erleben. Ihre Sprüche beängstigen aber ihre Umwelt. Im giftgrünen Kleid reckt sie die Hände gegen den Himmel, eine Whiskyflasche darin haltend. Meine Oma verkündet bei bester Gesundheit mit verführerischer Gewißheit die Katastrophe. Sie ist zum Orakel geworden, ihr Haus zum Wallfahrtsort, wo sich die Weisen und Einsichtigen, Besorgten und Tiefsinnigen, Menschheitsbeglücker und Heilsapostel aller Erdteile versammeln. Sie hängen an ihren vertrockneten Lippen, um den Nektar der Zukunft aufzusaugen. Sie redet leise, aber für alle vernehmbar, von der Rache des Schahs.

Pilger strömen über die sieben Ozeane herbei, rücken näher und übersetzen die Worte meiner Oma in ihre Heimatsprachen. Kinder schneuzen in die Taschentücher, Mütter nehmen ihre Babys auf die Arme und die Alten scharren mit ihren Krücken. Die Menge gerät in Bewegung, Kinder weinen. Meine Oma erhebt sich, ringt die Hände gegen den Kristalleuchter, der unter der jugendstilverzierten Decke schwebt, als nicke er Beifall. Die Oma mit dem Silberblick unter dem schwarzen Haar, den Runzeln im Gesicht und strahlenden künstlichen Zähnen, stemmt sich aus ihrem Lehnstuhl. Die Krücken der Greise formieren sich zum Baldachin. Sie öffnet ihren Mund und spricht mit honigsüßer Milde über den Krieg als Vater Europas. Kinder reiben sich die Augen. Der Kristalleuchter schwingt sanft hin und her über den erstaunten Köpfen der Menschen. Meine Oma entkorkt eine neue Johnny Walker Flasche, träumend, im Besitz der Weltformel. Sie hat die Grenze des menschlichen Wissens überschritten, zieht einen Trommelrevolver und schießt ein Licht nach dem anderen des Kristalleuchters aus. Von vier pausbäckigen Jungen wird sie zum Balkon getragen, vor dem das Volk unter dem dunkelblauen Nachthimmel wartet. Meine Oma richtet sich mühsam auf, sitzt auf den Schultern der fackeltragenden Männer, nimmt einen Schluck aus der Whiskyflasche und murmelt in der Winterkälte der Nacht etwas von Titos Bein.

Hunde bellen gegen die mitleidslose Sichel des Mondes, der über der Kleinstadt wie eine chinesische Dschunke hängt. Greise reißen ihre Krücken nach unten, klappern und pochen, rappeln und kratzen mit den Gehwerkzeugen auf dem Kopfsteinpflaster. Männer heben die Oma über die Menge und lassen ihre Fackeln mit den freien Armen wie Feuerräder kreisen. Meine Oma räkelt sich in der Vorlust des dritten Weltkrieges. Junge Frauen geben ihren Babys letze Milch aus roten Brüsten, stolze Bürger stimmen den Kraftgesang vom totalen Krieg an. Sie heben die Arme zum Heilsgruß. In jäher Leidenschaft wirft die Oma eine leere Whiskyflasche in die Menge. »Johnny Walker still going strong«, rufen die Menschen. Sie bücken sich nach den zerschellenden Scherben, um sie als Reliquien nach Hause zu tragen. Die Oma macht ein Nickerchen, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Männer schaffen sie zurück in den Salon. Menschen zerstreuen sich auf dem Marktplatz und glauben wieder an das Weltziel der Kleinstadt.

Andreas Leitolf: Amalgam