Kondenskerneinschußmanöver

Die Gründerzeit war endgültig vorbei, als sich erster Verdruß am Wohlstand zu regen begann. War nicht die begeisterte Aufnahme des Mannes aus dem Nichts in Kohlheim ein Anzeichen für den sinkenden Energiepegel der Volkssubstanz? Waren die Kräfte durch den erlangten Wohlstand so erschlafft, daß nur noch mächtige Spritzen aus dem österreichischen Ausland helfen konnten? War nicht der Mann aus dem Nichts eine Art Feuerwehrmann, der mit geladenem Schlauch das Spritzenhaus der Stadt, nachdem er es in den Brand seiner Zuneigung gesetzt hatte, auf eigene Faust wieder löschen wollte, weil er den größten Löschschlauch aller Zeiten mit sich führte, einen Löschschlauch, der einem ganzen Löschzug gleichkam, den er zwischen seinen Beinen baumelnd trug, um die Hüfte wickeln konnte, wie es sich die Phantasie der Kohlheimer sich auszumalen beliebte, träumend von zukünftiger Größe der Stadt, die den Spritzenwagen voll von fackeltragenden Feuerwehrmännern hinausschicken würde, in das Reich, das Weltreich, allenthalben Fackeln zündeln lassen wollte, um ganz Europa in Brand zu stecken, in den Gefühlsbrand für den Mann aus dem Nichts, der es der Welt schon zeigen würde.

In der ersten Woche der Trockenheit wurde Paulus durch das Ausbleiben des Flußwassers über Nacht seines Taufamtes enthoben. Eine Gruppe Erstklässler, die sich am Jakob-Böhme-Ufer eingefunden hatte, mußte ungetauft wieder abziehen, da der Fluß ausgetrocknet war. Nur noch wenige Fische schnappten in Wasserlachen nach Luft, um den Sauerstoff zu erlangen, den ihnen das Frischwasser früher gebracht hatte. Paulus stand sozusagen neben dem Trockenen, die Kinder zogen durstig nach Hause und die Schule wurde ganz eingestellt, weil die Lehrer keinen Speichel mehr besaßen, um den Unterrichtsgang durch Sprechen aufrechtzuerhalten. Auf den Feldern verdurstete das Vieh zu Tausenden. Die Menschen der Stadt, die sich vor der unbarmherzig brennenden weißen Sonne der fünften Jahreszeit unter die herabgezogenen Dächer der braun angestrichenen Häuser retten wollten und sich khakifarbene Tropenhelme überstülpten, als hätte sich die Kohlheimer Ebene in den afrikanischen Busch verwandelt, sanken eingesurrt und vertrocknet wie Mumien in die Knie und wurden von den überlebenden Familienangehörigen in Wandschränke hinter Glas gestellt, als sie das Format von Porzellankatzen erreicht hatten.

Antonella da Malta verkaufte in dieser Zeit der Schrumpfgermanen ein Pülverchen zur Einbalsamierung und das Sarggeschäft florierte, da es genug offizielle Leichen gab, die auf eine Beerdigung nicht verzichten konnten. Für Mitglieder aus dem Stadtrat, die umsanken, ohne zu wissen warum, verdursteten, ohne zu begreifen, warum Gott diese Plage über die Ebene geschickt hatte, mußten aus Gründen der Repräsentation Leichenzüge abgehalten werden.

So wurden die ersten Friedhöfe nach dem Ausbruch der Wasserkrise angelegt, draußen in der Ebene, und die Züge hinaus zu den Friedhöfen waren lang und in schwarzer Trauer. Die Frauen klagten um den Verlust ihrer Männer und die Männer klagten um den Verlust ihrer Frauen, die ihnen bei der Erlangung des Kohlheimer Weltziels behilflich gewesen waren, von dem sie nicht wußten, ob sie es vor ihrem Hinscheiden erreicht haben würden oder nicht, ein noch verborgenes Ziel. War nicht die Durstplage eine Strafe, ein Zeichen des Zorns überirdischer Götter, die das Volk auf den rechten Weg bringen wollten, von dem es Gefahr lief, abzukommen, seit dem Einbruch des Mannes aus dem Nichts. Das Hereinbrechen der Dürrekatastrophe erschien wie eine Kampfansage der Kohlheimgötter gegen den Versuch des wilden Mannes aus Kakanien, Götterbilder in Form steil aufgerichteter, mit brauner Soße gefüllter Feuerwehrschläuche nach Art des Schwanzkultes in der Roxy-Bar zu propagieren, deren Wirkmächtigkeit bis dahin noch nicht erwiesen waren.

Aus den leidgeprüften Mienen der Kohlheimer konnte man schließen, daß sie die Kolonisierung der Ebene aufgeben wollten. Es waren die Mienen der gleichgültigen Verzweiflung, die zum psychoneuralen Ausdruck dieser Verdammniszeit wurde, die man die Zwischenkriegszeit nannte, als man wieder Worte fand, um die Weltzusammenhänge zu deuten, obschon die Wasserkrise nach Versicherung der alten Kohlheimer kein Kriegsfall gewesen sein soll. Den Kohlheimer war der Krieg so gut wie unbekannt. Weder Angriffs- noch Verteidigungskrieg waren im damals im Schwange, die Kohlheimer wußten gar nicht, warum sie durch diese ungeheuere Vergeltung Gottes, diese gewaltige Wassernot, bestraft wurden.

Der Pionier des Flugzeugbaus, der die Rettung aus der Wasserkrise herbeiführte, war Bomberg, ein junger, schmalbrüstiger Mann der zweiten Generation, der mit seinem Vater, einem Schlosser, der anfangs Schultüten aus Blech hergestellt hatte, in den Planwagen gekommen war. Bomberg war damals sechs Jahre alt gewesen, hatte die Schule bei Paulus am Flußufer besucht, sich durch das Fliegenlassen von Papiervögeln einen Namen im Dorf gemacht, weil zu dieser Zeit keiner wußte, wie ein Flugzeug aussehen sollte. Die Alten hatten ihren Traum der Menschheit, zu fliegen, bereits vergessen, und die Jungen, in Kohlheim geborenen, hatten den Traum noch nicht erlangt. Bomberg wurde zum Urheber des Flugprinzips.

Er wuchs schnell heran zu einem aufgeweckten, stets wachen und himmelssüchtigen Jungen, der Pickel im Gesicht und unter den Achseln hatte, Furunkeln im Hintern, die er sich in der Schulbank sitzend mit den Fingernägeln aufkratzte, wobei er hin und her rutschte, um die riesigen Furunkel zum Aufplatzen zu bringen. Das unruhige Sitzfleisch Bombergs mag dazu beigetragen haben, daß er sich auf die Konstruktion von Flugapparaten konzentrierte, seinen Arsch in die Lüfte schwingen wollte, um auf diese Weise das prickelnde Gefühl aufgeplatzter Furunkel zwischen den Arschbacken zu vergessen.

Der Ausbruch der endlosen Wasserkrise veranlaßte Opa Kohl zu der Feststellung: »Ohne Wasser zerbricht unsere Zivilisation.« In Kohlheim war die Zivilisation einen Sprung weiter gekommen, da es Bomberg mit zwanzig Jahren gelungen war, den ersten selbsttätigen Flugapparat herzustellen. Eines Nachts brachte er aus seiner Werkhalle, die ihm als Wohnung und dem Flugzeug als Box diente, sein neu gebautes Luftschiff aus Holz hervor. Bomberg warf sich in das Cockpit seines Segelflugzeuges, das zum Modell für den Flugzeugstaffelbau der folgenden Zeit dienen sollte, ließ sich und sein Flugzeug von dreißig kräftigen Jungen aus der Box schleppen Er wurde in die Höhe gezogen, und als die Jungen noch an der Winde drehten und mit dem langen Zugseil in den Armen das Flugzeug in die nächtliche Sommerluft gezogen hatten, klinkte das Seil aus, die Jungen befanden sich bereits am Fluß, als Bomberg mehrere Meter durch die Luft flog und eine Notlandung machen auf dem fauligen Restwasser mußte, die sein Flugzeug in ein Schiff verwandelte, das friedlich den Fluß hinab zog, hell durch die Nacht sein weißes Holz blinken ließ. Knabengeschrei riß die Menschen aus den Betten und ließ sie aus den Häusern stürzen, weil sie dachten, die Wölfe hätten die Stadtmauer gestürmt.

Auf diese Weise lernten die Kohlheimer den Mann kennen, der als Toller Bomberg in die Geschichte der Stadt einging, die Flugzeuge im Serienbau anfertigen ließ und die Stadt aus der Wasserkrise rettete, weil er Kondenskerne mit Hilfe seiner Flugapperate in den Himmel schoß, worauf Wasser vom Himmel fiel wie das Manna, Wasser, das den Durst der Menschen und Tiere in der Ebene löschte, wie in biblischer Zeit das vom Himmel fallende Brot den Hunger des Volkes Israel gestillt hatte.

Unter den Zeitzeichen der Wasserkrise, in der Not kein Gebot kannte und die Anstrengungen zur Rettung aus der Not forciert wurden, die Flugzeugtechnik nicht nur erneuert, sondern erfunden wurde, geriet Paulus der Erzieher in Vergessenheit. Die Zeit des Ausbruchs der Krise war auch die Zeit des Aufbruchs aus der Krise, so verstanden es die Menschen in Kohlheim und so legten sie die Ankunft des Mannes aus dem Nichts aus, indem sie jene mythenumwitterete Gestalt des Mannes ohne Eigenschaften vermuteten, der aus der Tiefe der österreichischen Wälder hervorbrach, um mit seinem moosbruggerhaften Deutungsglied neue Zeichen in die Welt zu setzen, von denen man hoffen konnte, daß sie das Volk aus der Wasserkrise erlösten. Und in der Tat wurde auf Anregung des Mannes aus dem Nichts die Produktion von Flugzeugstaffeln gefördert, nach den Plänen des Tollen Bombergs, der bei seinem ersten Flug notwassern mußte, ohne notzulanden, der sich später als Chefpilot des großen Unternehmens Flugbau AG Kohlheim an den vollgefüllten Spritzschlauch erinnerte, den die Hurenweiber bewunderten, ohne ihn zu erlösen, ohne daß er Entlastung von der darin befindlichen gallertartigen braunen Masse gefunden hätte. Diesen Spritzschlauch hatte Bomberg in mythischer Erinnerung, weil er ihn nie gesehen, sondern nur in andächtiger Form vom Hörensagen wahrgenommen hatte, als er selbst begann, Kondenskerne in den Himmel zu schießen, um der Trockenheit ein Ende zu setzen, als er und seine Leute im Staffelflug das elitäre Bewußtsein entwickelten, das den Fliegern zu allen Zeiten eigen war und ihre beschränkte, auf das Schlußziel eingestellte Sicht von Ewigkeit zu Ewigkeit zu verkleistern.

Auf die Trockenzeit folgte die Regenzeit mit tropischer Heftigkeit. Bomberg hatte sämtliche Kondenskerne in die Wolken geschossen und das Wasser brach mit Macht hervor, wo vorher das trockene Flußbett des Kohl war, das Paulus zum Verzweifeln brachte, als er händeringend im Flußbett stand und auf Wasser wartete wie auf Honig. Paulus wurde durch den heftig einsetzenden Regenfall weggerissen, nachdem er das sagenhafte Alter von einhundertfünfzig Jahren erreichen durfte, überrascht durch die mächtigen Regenwälle, die jetzt wie Springfluten die Kohlheimer Ebene überschwemmten, die psychologisch vorbereitet war durch das steife Weltglied, von dem Paulus leider nie etwas erfahren hatte, weil er stets nur an die Taufe und den Bruderkuß dachte, an die Toleranz der Weltsysteme und das Indish Water, das auch aus den Regenwolken nicht herabgeschossen werden konnte. Gewöhnliches Regenwasser, das den Fluß sintflutartig anschwellen ließ, war es, das Paulus, als er eine tote Forelle, die im Sonnenlicht blitzte, aufhob, um sie wiederzubeleben und zu retten, mitriß und auf Nimmerwiedersehen verschwinden machte, untertauchen in das Weltbett des neuen Regenflusses, ihn verstummen ließ, nachdem er den Kindern der ersten Generation die Lehre des Wassergottes beigebracht hatte.

Paulus war verschollen. Orkane peitschten die gelben Weizenfelder und mähten wie Sensen das Gras um. Ein neuer Paulus war nicht auszumachen und so umschifften die Kohlheimer naß und zerzaust wie verlassene Vögel in ihren Holzsärgen stakend, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, den Marktplatz und wiederholten einen Aufguß früherer Paulusworte.

Andreas Leitolf: Amalgam