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Trotz schwermütiger Blondinen, in allen Gesellschaftsschichten allegrohaft um sich greifenden Sinnkrisen und einer in intellektuellen Kreisen feststellbaren merkwürdigen Faszination für den Islam (vielleicht frei nach dem Motto »what is ,in` & what is ,out`«), bleibt unser alter Nostalgiekumpel Paul Schal gelassen und brummelt am Tresen sein Lieblingszitat aus der Pop-Literatur vor sich hin: »What shall's. We had fucked up the sun«.
Ähnlich gesellschaftlich gleichmütig, freilich mit besessener Hingabe an die Musik, feiert der in Sibirien geborene Vadim Repin mit seiner auf »Ruby« getauften Stradivarius von 1708 wahrhaft triumphale Violin-Orgien. Höchste Musikalität und schwindeligmachende Technikbeherrschung begeistern bei den Einspielungen von Schostakowitschs 1. und Prokofiews 2. Violinkonzert. Repins brilliant-vibrierende Klangfarben, seine superbe Phrasierungskunst, die seelische Bewegtheit ziehen die scheinbar ausgelutschten Violinkonzerte von Tschaikowsky und Sibelius aus dem Sumpf der spiessigen Gleichklingerei. So wird man Zeuge einer aufregenden Wieder-/Neuentdeckung allzu vertraut gewordener Meisterwerke.
Vollkommen aus dem Häuschen gerät der Geigenfan über Repins CD-Kollektion von Virtuosenstücken, »Tutta Bravura« betitelt. Die so selbstverständlich klingende Meisterschaft mit der der russische Magier die mal verteufelt schwierigen, mal romantisch schwärmerischen Kabinettpreziosen u.a. von Paganini, Wieniawski und de Sarasate lebendig werden lässt, jagt dem staunenden Hörer den einen oder anderen Schauer über den Rücken. Die drei CDs sind bei Erato/Warner Classics erschienen.
Dass der Amerikaner, Autodidakt und free-for-all Experimentierer Charles Ives (1874-1954) nicht die Absicht hatte, für Dauerwellen-Dirigenten zu komponieren, hört man seinen Orchesterarbeiten deutlich an. Berührend ist die kurze Existenziellen-Musik »The Unanswered Question« (1906), verstörend die »Three Places In New England« (1903-14) mit dem wirklich ver-rückten Mittelsatz »Putnam's Camp«. Ein marschmäßiges, chaotisches Rhythmus- und Sound-Spektakel. Ives' fast schon klassisch anmutende »Symphony No.3« (1901-04), zum Teil basierend auf bekannten sakralen Orgelmelodien, ist eine melodische und harmonische Offenbarung, die schon beim ersten Hören gefangennimmt. Gleiches lässt sich über eine bei RCA veröffentlichte CD
urteilen. Leonard Slatkin und das Saint Louis Symphony Orchestra überzeugen als souveräne Interpreten der Iveschen Musikextravaganzen.
Nicht minder speziell sind die Hörabenteuer des Publikumserschreckers Helmut Lachenmann, der 2005 seinen siebzigjährigen Geburtstag feiert. Hektische Betriebssamkeit auf dem Podium erzeugt gekratzte, geschabte, geklopfte, gefauchte bis hin zu ex-/implodierende Töne/Sounds. Dazwischen immer wieder unheimliche Zustände des Stillstands und kaum mehr wahrnehmbare Klangwellen, die ins Leere laufen. Lachenmanns Musikarchitektur ist eine gegen ein rein ästhetisch-bequemes Konsumieren gewandte aufrüttelnde Ungeheuerlichkeit, deren Faszination sich der moderne Geist kaum entziehen kann. Nachzuprüfen ist das z.B. mit der bei dem Label col legno erschienenen Aufnahme des fabelhaften Klavierkonzerts »Ausklang«, komponiert in den Jahren 1984/85.
Ein Fest für Stimmenfreaks ist die dieser Tage bei Decca veröffentlichte Recital-CD des peruanischen Überfliegers Juan Diego Flórez. Die wunderbar lyrische, technisch (fast) makellose Tenorstimme verführt nach allen Regeln der Kunst mit teilweise weniger bekannten Arien von Rossini, Gluck und Cimarosa.
Zum Abschluss noch ein Hinweis auf eine liebevoll-einladend gestaltete Web-Seite. Auf carrerascaptures.de findet der José Carreras-Verehrer (wer ist das nicht?) zahlreiche historische Audio-Live-Mitschnitte eines der charismatischsten Opernsänger des 20.Jahrhunderts. Ich gestehe: Zum Dahinschmelzen.
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