Der Roman des Advokaten

Der Roman des Advokaten

von Andreas Leitolf

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel Geburtstagsfeier des Advokaten
2. Kapitel Der Hungerturm
3. Kapitel Der Runenforscher
4. Kapitel Das Bett
5. Kapital Der Doktor jur.
6. Kapitel Der Architekt
7. Kapitel Tarnhoff
8. Kapitel Die Wohnung des Advokaten und seiner Perserkatze Ursula von der Neiden
9. Kapitel Familie des Advokaten
10. Kapitel Martin Hoffman
11. Kapitel Der Philosoph
12. Kapitel Philosophie des Advokaten
13. Kapitel Das Problem des Alkoholismus
14. Kapitel Die wilde Sigrun
15. Kapitel Roman des Advokaten
16. Kapitel Der Ausflug
17. Kapitel Der Brief
18. Kapitel Der Stadt und die Hunde
19. Kapitel Die Psychosen des Doktor des Doktor jur.
20 Kapitel Ruhe
21. Kapitel Roman der wilden Sigrun
22. Kapitel Semper apaestus
23. Kapitel Am Turm
24. Kapitel Das Fest
25. Kapitel Theorie des psychotischen Romans
26. Kapitel Roman des Doktor jur. in Form eines Gutachtens
27. Kapitel Wir Wunderkinder
28. Kapitel Warten auf den Advokaten
29. Kapitel Im Sog des Wahnsinns
30. Kapitel Die entfesselnde Realität
31. Kapitel De profundis
32. Kapitel Gespräch mit Lektor
33. Kapitel Über Bedienungen
Happy End: Ein Mann aus Hollywood


„Die Leute kommen zu mir,
sie kommen wie die Tauben.“

Zitat des Advokaten

„Die Boote sind noch nicht gekentert.“
Zitat der wilden Sigrun


1. Kapitel: Der Philosoph, Alex und die Schildkröte

Raimund, der Philosoph liebte seine Bea platonisch wie Dante seine Beatrice im Paradies. Mit der wahren Gelassenheit eines Herbergsvaters nahm der Philosoph den wohnungslosen Doktor jur. in seinem Appartement am Westfriedhof auf und stellte ihm seine Regalwand voller Bücher zum Lesen zur Verfügung. Bei Hegel las der Doktor jur. in der „Phänomologie des Geistes“ den Satz: Das Anundfürsichsein ist der Geist. Da in unserer Gesellschaft an und für sich nur das Geld zählt, Geld und Geist nur allzu oft verwechselt wird, wurde der Doktor jur. denkbarer Zuhörer des Advokaten. Dieser wusste zwischen Geld und Geist einen wohltuenden Ausgleich herzustellen und honorierte jede Hilfeleistung großzügig. Die Wohnung des Philosophen war nicht ganz so verschlampt wie die des Advokaten. Raimund war immerhin im Besitz eines kräftigen Siemens-Staubsaugers. Wir schliefen zu Dritt in der engen Wohnung, mit Alex, dem Kunstmaler, der in seiner Jugend Zahntechniker war, und behauptete, Achter (Weißheitszähne) würden nicht mehr gebraucht, weil sich die menschlichen Kaugewohnheiten verändert hätten.

Der frühvollendete Alex hat schon mit 24 Jahren eine mächtige Riesenschildkröte aus Ton modelliert, in brauner Farbe, und sein Lebenswerk steht stolz, Ruhe und Sicherheit ausstrahlend, im Regal des Philosophen unter den Büchern. Seitdem sitzt Alex Tag und Nacht vor dem Fernseher, raucht ununterbrochen, einen Plastiksack mit gelblichen Ton neben sich. Unter dem Dach des Philosophen verkehren auch wunderliche Frauen, wie die mystische Birgit, die auf Jesus wartet, dem sie heiraten will, und trinkt, weil er nicht kommt, oder die langhaarige Marianne, die einen kleinen Hund namens „Maxi“ hat und im Hasenbergl wohnt. Alex kämmt ihr die Haare.

Als Alexander von Humbold im Urwald des Amazonas Indianer sah, die friedlich trunken voller Chicha auf Riesenschildkröten saßen, maß er sie mit den Augen europäischer Intelligenz und hielt sie für blöd. Wie beschränkt muß der europäische Intellekt sein, an dem Natur und Menschheit unseres Globus leiden?

Der blondbärtige Alex Haritos ist indianischer Abstammung, in Chigago geboren und hat ein Idolo geschaffen, eine Plastik in Form einer Schildkröte, die Schutz bietet, ein Kraftzentrum in der Pegnitzstraße. Mit rechtgewendetem Kopf, glänzenden Augen, den Mund offen, atmend, scheint sich das Tier aus meinem Schreibtisch zu bewegen. Die Schildkröte, ein Symbol der Ruhe, Kraft und Langsamkeit. Der Langsame ergreifet den Schnellen, steht in der Odyssee. Der Panzer der Schildkröte mit hellbraunen Kassetten, tiefen Rillen und die vierzehigen Füße, links sich abstoßend, recht angewinkelt.

Alex, ein Künstler, unser Gang durch die Kunstakademie, wo große Topmodels nackter Frauen herumstehen. Seine Schildkröte stellt alles in den Schatten, auch diesen Roman. Sie ist heilig. Dem Philosophen gefiel sie nicht, aber der Doktor jur. hat sie aus dem Keller geholt. Alex meint, der Philosoph sollte seine ganzen Bücher wegwerfen und etwas eigenes schaffen.

2. Kapitel: Geburtstagsfeier des Advokaten

Wir feiern den 50. Geburtstag des Advokaten im Cafe Monopterus. Es gibt den teuersten Sekt Meurs Chandon für 80,– DM die Flasche. Der Runenforscher sitzt dabei, auch Patrick der junge Germanist. Ich, der Doktor jur. ernenne den Advokaten für seine Verdienste fürs Vaterland zum Dr. h.c. kraft meiner Kompetenz der Europäischen Union. Der Advokat kokettiert mit der hübschen, charmanten Bedienung. Sie sagt, sie hätte selten Gelegenheit, so teuren Sekt im Kübel zu servieren. Wir lachen. Der Runenforscher genießt den Sekt. Er grinst verschmitzt hinter seiner Brille und nutzt die Gunst der Stunde. Wir heben die Gläser, lassen den Advokaten und edlen Spender hochleben. Happy birthday to you, happy birthday to you. Er bestellt noch eine Flasche Meurs Chandon, zieht die blauen Scheine und begleicht die Rechnung. Die sexy Bedienung freut sich und der Advokat erzählt von seiner skurilen Tätigkeit beim Bundesnachrichtendienst in Pullach. Es war seine Aufgabe, durch tägliches Auswerten der Zeitungen den 3. Weltkrieg zu verhindern. Dies ist ihm gelungen. Hurra, wir leben noch, würde Johannes Simmel sagen.

Der Advokat hat uns gerettet. Erst war er Afrikaspezialist, hat seine Vorgesetzten über den Biafrakrieg informiert, akribische Generäle und Militärs. Dann war er DDR-Fachmann und besaß den Deckname Stettin. Er litt unter seiner Arbeit, weil er sich vorkam, wie das Häschen in der Grube, über dem die Wellen nachrichtendienstlicher Forschung zusammenschlugen. Seine Vorgesetzten bestellten ihn zum Rapport, weil es nicht verhindern konnte, dass der arabische und israelische Geheimdienst sich auf der Toilette begegneten. Seine Schrift wurde größer und er versteckte abgetragene Wäsche, Socken und Brotzeitreste unter den Büchern seines Dienstzimmers. Deswegen wurde er mit 48 Jahren pensioniert, in Ehren entlassen. Er war Regierungsrat a.D. und ist es, sofern er nicht gestorben ist, noch heute.

3. Kapitel: Der Hungerturm

Ein ambivalentes Verhältnis hat der Advokat zum Hungerturm. Dieser ist einerseits der beste Freund des Advokaten, hat auch schon 7 Wochen bei ihm übernachtet. Allerdings verschüttete er beim Frühstück den Neßcafe auf dem Teppich und erschreckte dadurch die adlige Perserkatze Ursula von der Neiden. Des Advokaten Herzliebste ist seine Katze, die gelbe Augen hat und die er aus einem Schaufenster im Elisenhof gekauft hat. Seit dieser Zeit ist der Hungerturm der schärfste Widersacher des Advokaten. Er hat heute sogar Hausverbot und manchmal meiden sich die beiden wie die Pest. Wenn der Advokat von Amerika erzählt, lauscht die Clique andächtig und der Hungerturm, mit bürgerlichen Namen Jordan, zieht sich verärgert hinter ein Glas Bier zurück und raucht mit großen Bewegungen eine Zigarre.

Herr Jordan ist lang und groß und hat bei der Armee gedient. Einmal geriet er an einen Fallschirmjäger. Dieser sagte: „Ein Fallschirmspringer hat immer Recht“. Der Vater vom Hungerturm war General im 2. Weltkrieg, befehligt die deutsche Luftmarine und wartete vergeblich auf die Wunderwaffe. So wurde der Krieg verloren.

4. Kapitel: Der Runenforscher

Einer der wenigen Runenforscher im Lande ist Gerhard Wiesner, der wichtigste Schluckspecht in der Clique des Advokaten. Er übersetzt zwei Stunden an einer Rune. Bier ist sein Lieblingsgetränk und er gewinnt an Mitteilsamkeit, je mehr er davon trinkt.

Mit 44 Jahren schiebt er noch seine Magisterarbeit vor sich her und träumt davon, eine Marktlücke für ein Taschenbuch über alte Germanen zu finden. Mit der Zahlung seiner Miete von 200,– DM für sein kleines Gartenhäuschen ist er stets einen Monat in Verzug, zum Leidwesen seines Vermieters, den pensionierten Bahnbeamten Ganslmeier.

Der Runenforscher ist klein und zerbrechlich und wohnt in Pasing in der Frankensteinstraße. Er pflanzt Rettiche und knabbert hauptsächlich an rohen Fleischresten, die er nachts aus dem Abfallcontainer des Grossomarkts holt. Unglaublich belesen, steuert der Runenforscher, oder Militärhistoriker sehr zum Esprit des Advokaten bei. Einmal gab es eine Dissonanz im Cafe Schmeller. Der Runenforscher beleidigte den Advokaten beim Windbeutelessen in Gegenwart eines Künstlers. Wochenlang mieden sich beide, bis es dem Doktor jur. (und Autor dieses Erfolgromans) gelang, Runenforscher und Advokat wieder zu versöhnen. Erst signalisierte der Advokat Entgegenkommen, der Runenforscher schmollte noch eine Weile. Dann saßen sie wieder einträchtig beim Bier an einem Tisch.

Man muß wissen, das der Advokat aufgrund seiner 15-jährigen Tätigkeit beim Nachrichtendienst eine Pension von 3.000,– bis 4.000 DM erhält und einen Kreditrahmen bei der Sparkasse von 10.000,– DM hat. Die Begleitung der Zeche obliegt meist dem Advokaten, der gutherzig die Clique einlädt und sozusagen aushält. Ohne den Advokaten wäre manche aus der Clique nicht überlebensfähig.

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